Panorama erleben

Missbraucht und verschwiegen

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Immer wieder Selbstmordversuche, immer wieder Depression, immer wieder viel zu viel Alkohol. Ich war zuhause, depressiv, mein Vater kam trotzdem. Es war ihm wohl immer wichtiger seine abartigen Triebe auszuleben. Wie es mir ging wurde totgeschwiegen. Ich war jetzt die Tochter, die nichts auf die Reihe kriegt. Verzweifelte Maßnahmen begannen. Ich begann mir Tiere zu holen, heute noch liebe ich Tiere, bin sogar aktive Tierschützerin geworden.

Durch die vielen Selbstmordversuche versuchte man mir in einer anderen Psychiatrie zu helfen. Nach jedem Selbstmordversuch kam mein Vater in die Klinik um mich rauszuholen. Ich kämpfte verzweifelt, war ja noch in der Verdrängung, aber mir war schon klar, daß er das Problem ist. Sie ließen ihn immer zu mir.

Aber eine gute Wende begann. Man hatte mir geraten mir Tiere zu holen gegen die verdammte Einsamkeit. Und mich ehrenamtlich zu engagieren. Ich ging in ein Cafe für psychisch Kranke und bediente dort jahrelang. Wir arbeiteten einmal die Woche als Team, es war einfach nur schön. Er ist heute Betreuer. Wir redeten viel und ich fasste endlich mal zu jemand richtig Vertrauen. Er hat es nicht mißbraucht.

In dem Cafe war ich dann jeden Tag und fand Freunde, verliebte mich sogar. Und das brachte dann endlich die Wende für mich. Er war auch schwer traumatisiert, wir reden sehr viel miteinander und ich verliebte mich in ihn. Eine Nachbarin war auf verzweifelter Suche nach einem Mann, war alleinerziehend. Sie spannte ihn mir aus. Sie ist das absolut Gegenteil von mir, ziemlich nuttig und billig. Ich war schon berentet, weil klar war, ich kann nicht mehr richtig arbeiten, nur noch stundenweise. An einem fürchterlichen Tag rief mich mein Bekannter an und sagte ich komme heute noch, aber nur für eine halbe Stunde. Ich war beim Gutachter gewesen und man hatte mir mitgeteilt, sie können doch arbeiten. Schließlich haben sie im Altersheim gearbeitet. Ja schon, aber nur stundenweise. Ich rutschte in Hartz IV. Und war todunglücklich an diesem Horrortag. Mein Bekannte kam dann auch und sagte mir, er würde danach zu meiner Nachbarin gehen. Da würde sich was anbahnen. Verzweifelt sagte ich ihm, ich liebe dich doch. Er ließ nicht mit sich reden. Es wurde mir alles zu viel. Ihn täglich mit dieser Schlampe zu sehen, Rente weg. Hartz IV. Ich beschloss mein Leben komplett zu verändern und zog es konsequent durch. Meine damalige Therapeutin sagte zu mir: mir war sofort klar, daß sie das auch wirklich durchziehen. Ich zog es sehr konsequent durch. Damals hatte ich schon Panikattacken. Er half mir beim Umzug. Alles mußte schnell und heimlich gehen. Mir wurde alles zu viel, die Panikattacken immer schlimmer. Ich mußte nachts in der Klinik schlafen, weil es mir so schlecht ging. Tagsüber war ich auf Wohnungssuche. Die Klinik versuchte mir sogar noch von dem Umzug abzuhalten. Ich rebellierte und gewann. Nach kurzer Zeit hatte ich eine Wohnung gefunden, die mit Hartz IV bezahlbar war. Alles ging gut. Meine Eltern bekamen nichts mit, nur eine Nachbarin hatte mitbekommen, daß ich so viel unterwegs war und mein Auto nachts nie auf dem Parkplatz stand. Sie sprach mich an und wir unterhielten uns. Ihr Mann und ich waren mal zeitgleich in derselben Psychiatrie. Er hatte einen Selbstmordversuch unternommen, ich auch. Als ich heimkam hielt ich komplett die Klappe. Wollte dem Mann nicht schaden, war auch sehr mit mir selbst beschäftigt. Die Schlampe, mit der mein Bekannter nun zusammen war tratschte überall rum, daß er einen Selbstmordversuch unternommen hat. Von meinem wußte sie zum Glück nichts. Seine Familie war sehr dankbar, daß ich nichts erzählt hatte. Wir tranken zusammen Kaffee und ich erzählte, daß meine Nachbarin mir den Freund ausgespannt hat und ich nun weg wollte. Das war mein Abschiedsgeschenk an diese miese Nachbarin.

Die Beziehung der beiden hielt nur 4 Monate. Sie stritten viel, wir kamen dann doch noch zusammen. Diese Beziehung lief sieben lange Jahre, er ist bindungsunfähig und nicht bereit daran etwas zu ändern. Ich war sieben Jahre lang eine Frau, deren Freund ständig bis zu drei Monaten verschwand um dann doch wieder vor der Tür zu stehen und so zu tun als ob nichts war. Ich habe ihn sehr geliebt und kam nur schwer aus der Beziehung wieder raus. Irgendwann wollte ich nicht mehr mit ihm schlafen, ich bekam blöde sms mit eindeutigen Angeboten. Ging nie drauf ein, er trennte sich dann bald. Er war der Meinung, wenn schon keine Beziehung klappt, dann könnte man doch einfach ab und zu miteinander schlafen. Ich tickte fast aus.

Nun muß ich noch einen kurzen Zeitsprung machen. Ich hatte mir einen anderen Therapeuten gesucht, nun war es wirklich der Richtige. Ich sollte mir ein neues Ehrenamt aussuchen und entschied mich für das hiesige Tierheim und ein Altersheim. Beide Ehrenämter blieben mir drei Jahre, ich erinnere mich sehr gern daran. Ich besuchte fast jeden Tag eine liebe alte Frau, die mich sehr liebte und ich sie auch.

Da ich nun so oft im Altersheim war fiel auf, daß ich gut mit Senioren umgehen kann. Ich tat es auch mit ganzen Herzen. Eines Tages bat mich die Heimleiterin zu einem Gespräch. Sie wollte mir ein Angebot machen. Förderung über das Arbeitsamt, Arbeit im Altersheim. Eigentlich eine tolle Sache, aber es kam anders.

Nun kam endlich das Trauma durch. Eine Frau im Altersheim machte mir Probleme, ich litt sehr darunter. Letztendlich kam es zum Traumadurchbruch. Endlich kam hoch, was so lang verdrängt war. Zumindest teilweise. Mein Therapeut leistete wirklich sehr gute Arbeit, es ging mir grottenschlecht, aber ich war auch froh, daß ich endlich wußte was mit mir los war. Irgendwie hatte ich vorher schon fast an meinem Verstand gezweifelt. Acht Jahre später arbeiten wir immer noch an meinen Problemen. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft er mich aufgefangen hat. Immer wieder Depressionen, wahnsinnig viele Tränen. Ich bin ihm dankbar ohne Ende.

Durch die viele Therapie, die richtigen Medikamente, das ganze Verständnis habe ich endlich ein bißchen Frieden gefunden, bin aus der schwierigen Beziehung raus und verliebe mich jetzt in Männer, die mir wirklich gut tun. Schon mehrfach habe ich die tolle Erfahrung gemacht, daß man mir das Gefühl gibt ich bin wichtig und toll. Eine Freundin steht seit über einem Jahr zu mir, baut mich immer wieder auf, wenn es mir schlecht geht und sagt dann ich bin stark. Seit Sommer bin ich ehrenamtlich in der Kirche tätig und fühle mich super damit. Schon vor vielen Jahren war ich mal kirchlich aktiv, der damalige Prediger führte mich liebevoll zu Gott, dann begann er leider mich zu vereinnahmen, was bei der Kirche ja leider oft passiert.

In der Kirche hier habe ich wohl dann meine Lebensaufgabe gefunden. Der Pfarrer ist in meinem Alter, manchmal arbeiten wir ein bißchen seelsorgerisch. Aber hauptsächlich bin ich jetzt ein sehr beliebtes Gemeindemitglied, daß sich oft nützlich macht und schon mal Leuten viel zuhört. Die Kirche ist mitten im Brennpunkt, Alkohol und Drogen, sehr hoher Ausländeranteil. Ich lache jetzt viel, aber gleichzeitig läßt man mich auch traurig sein. Ich darf endlich in Ruhe weinen, wenn z.B. mein geliebter Patenhund gestorben ist. Ich besuche jeden Gottesdienst, finde Frieden im Gebet. Umgeben von viel toller Musik, gefördert in Sachen Stimme. Der Pfarrer meint ich habe Talent und habe eine wunderschöne Stimme. Ab Januar singe ich wieder im Chor. In der Gemeinde habe ich Freunde gefunden, die wirklich zu mir passen. Kommt die Trauer und das Redebedürfnis ist der Pfarrer immer für mich da. Als Dank dafür entlaste ich ihn schon mal in dem ich mit Leuten rede, die einfach nur mal reden möchten. Das kann ich sehr gut.

An eine Vergewaltigung kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Es war die letzte. Wir wollten übers Wochenende Freunde besuchen, meine Eltern und ich. Mir bedeuten diese Freunde sehr viel, weil sie in meiner Kindheit und auch heute noch immer gezeigt haben, daß sie mich lieben. Ich war in einem Zwiespalt. Wollte einerseits die Freunde mal wieder sehen, aber andererseits war mir auch klar, es wird wieder zu einer Vergewaltigung kommen. Ich betrank mich sehr, fuhr mit und es kam dann auch zu dieser Vergewaltigung. Zum Glück die letzte.

Nun bin ich 46 Jahre alt, finde meinen Frieden in meinem Glauben, bin froh, daß dieser Pfarrer mir so sehr hilft und ich einen guten Therapeuten habe.

Diese Geschichte habe ich aufgeschrieben, übrigens in einem Stück und nachts, weil ich anderen Mut machen möchte zu kämpfen. Ich werde mein Leben lang Tabletten nehmen müssen und wohl auch lebenslang immer wieder mit Depressionen kämpfen müssen. Aber mein Leben hat endlich einen Sinn. Letzte Woche Montag zum Beispiel haben wir für unsere Gäste in der Kirche gekocht. Zu dritt. Danach haben wir zusammen gegessen, eine Frau saß mir gegenüber und wollte reden. Ich hörte ihr zu. Danach gingen wir spontan in die Kirche und feierten ein bißchen. Der Pfarrer bringt mich viel zum Lachen. Das ist ein Leben, das mir gefällt. Kein Mißbrauch, liebe Menschen um mich rum. Ich bin nun für immer berentet, arbeite immer mal wieder stundenweise. Das Einzige, was ich noch ein bißchen verbessern muß ist mein Alkoholkonsum. Denn ich habe wieder einen tollen Arzt, er sprach mich dezent drauf an. Durch die Kirche sehe ich wie tief man durch den Alkohol fallen kann und trinke immer weniger.

Ich hoffe ich kann Menschen Mut mach zu kämpfen. Und freue mich auf Antworten und feedback in dem Blog.


Die eigenen Gedanken niederzuschreiben kann beim Verarbeiten schlimmer Erlebnisse weiterhelfen. Auch anderen kann der Umgang mit der persönlichen Situation Mut und Zuversicht schenken. Gerne möchten wir daher jedem die Möglichkeit geben, hier seine Gedanken mitzuteilen. Bei Interesse schreibt uns einfach unter "kontakt@impulsdialog.de".

 

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Ein Kommentar

Ich finde das, was dir passiert ist, absolut schrecklich, grausam, zerstörend, ......
Wenn ich so etwas lese, rollen sich meine Zehnägel hoch. So etwas menschenfeindliches!
Also, ich weiß ja wirklich nicht, was genau in den Köpfen deiner Familienangehörigen schief gelaufen ist. Aber das ist absolut abnormal und eine Mutter, die ihr Kind so hasst, ist keine Mutter mehr. Diese Frau würde ich nicht als meine Mutter bezeichnen können. Dein Bruder wird auch einen Totalschaden haben. Grausam ist das! Du hast mein tiefstes Beileid und ich kriege Aggressionen, wenn ich daran denken muss, dass Erwachsene Menschen Kinder misshandeln und missbrauchen, die von Erwachsenen abhängig sind, wehrlos sind, machtlos, hilflos, ängstlich sind... Ich finde es so schlimm, dass Deutschland ja dann doch sooooo ein freies Land ist, dass nicht einmal bemerkt wird, dass bei dir emotionaler wie auch physischer Missbrauch stattgefunden hat. Finde ich für ein solch "schützendes kinderliebes" Land wirklich schwach.
Ich arbeite in einer Förderschule, wo ebenfalls viele solcher Kinder sind. In diesem Sinne kann ich also ein wenig aus Erfahrung reden, wenn ich dem Staat einen Stempel wegen seiner "ach-so-tollen" Bürokratie aufdrücke.
Sicherlich wirst du gesundheitlich besonders darunter gelitten haben. Mich würde es nicht wundern, wenn du eine abgespaltene Persönlichkeitsstörung oder noch heftiger entwickelt hast.

Ich hoffe, dass du wenigstens heute ein mehr oder weniger unbeschwertes Leben führen kannst und dieses Mal Menschen um dich herum hast, die dir all das geben, was du als wehrloses Kind nicht bekommen hattest. Liebe, Geborgenheit, Schutz, Nähe, Fürsorge!
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Kruemel

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