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Missbraucht und verschwiegen

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Mit 23 Jahren lernte ich einen Mann kennen und dachte, jetzt entkomme ich endlich dieser Hölle. Aber auch er brachte mir kein Glück. Sex war Pflicht, irgendwie immer nach Kalender, nie wirklich liebevolle Momente. Er lebte in Bayern, ich in Hessen. Wir beschlossen, wenn die Beziehung hält ziehe ich nach einem Jahr zu ihm. Wir stritten oft, Fernbeziehungen sind sehr schwierig, er sowieso. Nach einem Jahr kam es zu einer Trennung. Ich beendete es, er schrieb mir einen Brief. Ich gab nach und kurz danach betrog er mich mit einem sehr jungen Mädchen, daß sogar noch zur Schule ging. Ich habe ihm nie wirklich nachgetrauert, aber ich weinte viel Tränen, daß ich es nicht schaffte dem Mißbrauch zu entkommen. Sein bester Freund machte mir sofort nach der Trennung eine Liebeserklärung. Ich war immer jedes zweite Wochenende bei meinem Freund in Bayern (immer mußte ich alles bezahlen), das andere Wochenende ging ich immer Freitags mit seinem besten Freund aus Hessen, wo er eigentlich herkommt, Essen. Das er mich liebte merkte ich nicht, obwohl eine Freundin mir einen Hinweis gab. Ich dachte wir verstehen uns halt gut und verbringen einfach Zeit miteinander. Als dann Schluß war kam er zu mir und sagte: ich liebe dich, ich habe ein Haus für uns gekauft, ich lasse dir bis zu einem Jahr Zeit um die letzte Beziehung zu verkraften. Meine Antwort kam sofort: ich liebe dich nicht und ich will keine Beziehung. Der Kontakt brach sofort ab. Allerdings fing seine Mutter an meine Freundin zu nerven. Ob sie nicht helfen könnte. Wir würden doch so gut zusammen passen. Meine Freundin blockte sofort ab. Viele Jahre später saß ich mit einer Kollegin in einem Cafe. Es war Documenta und Leute arbeiteten dafür. Ich erschrak als er auf einmal neben mir stand. Er tat so, als ob er mich nicht kannte, zog das Kabel durch das Fenster, an dem wir saßen. Meine Kollegin kannte die Geschichte. Dann ging er raus und flirtete öffentlich ziemlich peinlich mit einer anderen Frau. So, daß ich es sehen konnte. Mir war es egal, ich hatte ja nie wirklich Gefühle für ihn. Meine Kollegin meinte noch: der macht hier einen Riesenaufstand und es berührt dich nicht. Stimmt. Aber mir ziemlich egal.

Diesen Mann wollte meine Mutter damals auch für mich. Er wäre immer so vernünftig, während mein damaliger Freund immer so hitzköpfig wäre. Als wir das erste Mal miteinander schlafen wollte war ich schon voll in der Verdrängung. Ich dachte allen Ernstes, ich sei noch Jungfrau. Er machte mir eine Szene, weil ich nicht mit ihm schlafen konnte.

Meine Mutter wollte eigentlich immer Männer für mich, die fast schon Täter waren. Nie wirkliche Liebe, immer ein bißchen Unterdrückung. Sie fand das immer normal.

Mittlerweile hatte ich eine Lehre gemacht und dann kam das nächste Problem. Ich arbeitete bei einer sehr großen Behörde. Schon in der Lehre merkte ich, daß Behörden nichts für mich waren. Mein Vater erzählt voller Stolz, daß seine Tochter einen ganz tollen Job gefunden hatte. Es war alles wieder nur Show. Ich versuchte mich verzweifelt hochzuarbeiten, wechselte jährlich die Abteilung, war immer unglücklich. Kündigen traute ich mich lange Zeit nicht.

Mit Mitte 20 hatte ich dann ein Alkoholproblem. Insgesamt hatten mich 12 Männer mißbraucht. Jeden Abend trank ich Whiskey, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Am nächsten Morgen ging ich dann immer brav ins Büro und arbeitete so fleißig wie möglich.

Mit Mitte 20 war dann langsam klar, so kann es nicht weitergehen. Viel zu viel Whiskey jeden Tag, ich fand aber keine Lösung allein. Irgendwann war ich dann wenigstens soweit, daß ich mich traute meinen verhassten Job zu kündigen und neu zu starten. Ich hatte einen Hausarzt, dem ich heute noch sehr dankbar bin. Er merkte, daß etwas nicht in Ordnung war. Wir begannen zu flirten, er nannte mir Psychologen, ich war aber noch nicht so weit zu reden. Viel zu viel Angst und immer noch Mißbrauch durch meinen Vater.

Ich habe ja viel verdrängt und weiß bis heute noch sehr wenig. Als erstes kamen viele Täter hoch, wenig Erinnerung. Ein Schutz, damit man nicht überfordert ist.

Der Arzt war verheiratet, man hatte mir etwas anderes erzählt. Eine Affäre wäre für ihn in Ordnung gewesen, für mich nicht. Aber alles lief friedlich ab, er hat dann eines Tages beschlossen woanders zu arbeiten und gab die Praxis ab. Jahre später gab es noch einmal einen kurzen Kontakt, weil er leitender Notarzt ist und sich gut auskennt. Ich war inzwischen in der richtigen Therapie, eine Erinnerung war hochgekommen. Mein Therapeut riet mir zu recherchieren, um vielleicht doch noch Anzeige erstatten zu können. Ich schrieb dem Arzt eine email, aber es war zu lang her. Kurzer höflicher Kontakt, mit sehr viel Verständnis für meine Situation. So hat er im Endeffekt doch noch mitbekommen, daß ich doch noch Hilfe fand.

Ich hatte meinen verhassten Job aufgegeben und arbeitete kurzfristig in der Zeitarbeit. Als Sekretärin. Es ging mir damit besser, aber ich fand keine richtige Arbeit, weil ich ja beim Staat war und man dort sehr einseitig ausgebildet wird und dann nur schwer Arbeit findet in der freien Wirtschaft.

Nun war ich arbeitslos, wohnte zu allem Übel noch in der Eigentumswohnung meiner Eltern. Ein Jahr lang ging ich zu einer Psychologin, dann sagte sie mir sie könnte die Stunden nicht mehr verlängern. Wieder allein, wieder unglücklich, wieder viel zu viel Alkohol.

Ich musste immer wieder in die Psychiatrie, unternahm immer wieder Selbstmordversuche. Einer war besonders dramatisch. Ich schluckte Tabletten, aber ich durfte einfach nicht sterben. In meiner Verzweiflung rief ich beim Hausarzt, sie holten mich ab. Der Hausflur war zu eng und man mußte mich über den Balkon im zweiten Stock runterholen. Alle bekamen es mit. Man brachte mich zur Erstversorgung in die Praxis meines Hausarztes, er machte sich selbst Vorwürfe, weil er mir die Medikamente verschrieben hatte. Er bekam nicht mit, daß ich schon so wach war, daß ich alles mit bekam.

Nun sollte man meinen, jetzt ist die Psychiatrie im Spiel, jetzt kommt endlich Hilfe. Leider nicht wirklich. Mein längster Psychiatrieaufenthalt war ein dreiviertel Jahr. Erst stationär, dann teilstätionär. Meine Familie bekam langsam Panik, das alles auffliegt. Sie kamen jede Woche in die Klinik, redeten sogar mit dem Therapeuten. Heile Welt total. Er glaubt es ihnen sogar, danach konnte ich jahrelang keine gute Beziehung zu einem Therapeuten aufbauen. Ich hätte eine tolle Familie, die mich sehr unterstützt sagte er zu mir. Ich dachte nur noch, hört das nie auf, wie soll ich das alles ertragen.

 

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Ein Kommentar

Ich finde das, was dir passiert ist, absolut schrecklich, grausam, zerstörend, ......
Wenn ich so etwas lese, rollen sich meine Zehnägel hoch. So etwas menschenfeindliches!
Also, ich weiß ja wirklich nicht, was genau in den Köpfen deiner Familienangehörigen schief gelaufen ist. Aber das ist absolut abnormal und eine Mutter, die ihr Kind so hasst, ist keine Mutter mehr. Diese Frau würde ich nicht als meine Mutter bezeichnen können. Dein Bruder wird auch einen Totalschaden haben. Grausam ist das! Du hast mein tiefstes Beileid und ich kriege Aggressionen, wenn ich daran denken muss, dass Erwachsene Menschen Kinder misshandeln und missbrauchen, die von Erwachsenen abhängig sind, wehrlos sind, machtlos, hilflos, ängstlich sind... Ich finde es so schlimm, dass Deutschland ja dann doch sooooo ein freies Land ist, dass nicht einmal bemerkt wird, dass bei dir emotionaler wie auch physischer Missbrauch stattgefunden hat. Finde ich für ein solch "schützendes kinderliebes" Land wirklich schwach.
Ich arbeite in einer Förderschule, wo ebenfalls viele solcher Kinder sind. In diesem Sinne kann ich also ein wenig aus Erfahrung reden, wenn ich dem Staat einen Stempel wegen seiner "ach-so-tollen" Bürokratie aufdrücke.
Sicherlich wirst du gesundheitlich besonders darunter gelitten haben. Mich würde es nicht wundern, wenn du eine abgespaltene Persönlichkeitsstörung oder noch heftiger entwickelt hast.

Ich hoffe, dass du wenigstens heute ein mehr oder weniger unbeschwertes Leben führen kannst und dieses Mal Menschen um dich herum hast, die dir all das geben, was du als wehrloses Kind nicht bekommen hattest. Liebe, Geborgenheit, Schutz, Nähe, Fürsorge!
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Kruemel

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