Selbstbewusstsein stärken

Typisch ich, typisch du? - Wie wir unterschiedliches Verhalten wahrnehmen und deuten

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Bei allem, was wir selbst tun und was wir an anderen beobachten, versuchen wir, Erklärungen für Verhaltensweisen und Handlungsergebnisse zu finden. Erklärungen, die konform gehen mit dem, was wir über uns selbst, unsere Beziehungen und unsere Welt wissen. Mit diesen Vorgängen beschäftigt sich die sogenannte Attributionstheorie. Von ihr können wir für den alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen viel lernen, da sie in zahlreichen Situationen zur Anwendung kommt.

Wenn ich einer Person, die ich kenne, auf der Straße begegne und sie grüßt mich nicht zurück – hat sie mich nicht gesehen, weil die Sonne blendet? Oder mag sie mich schlichtweg nicht? Wenn ich in einer mündlichen Prüfung schlecht benotet werde – war dann der Prüfer unfair? Oder habe ich einfach zu wenig gelernt?
Die Attributionstheorie trifft Annahmen darüber, wie wir zu Erklärungen für unser eigenes Verhalten und das Verhalten unserer Mitmenschen kommen und versucht dabei, diese Prozesse wissenschaftlich zu erklären und auch zu beschreiben welche Fehler bei diesen Zuschreibungen (Attributionen) auftreten können. Denn oft gibt es große Unterschiede in der Weise, wie wir die Intentionen anderer einschätzen und wie wir die Ursachen unseres eigenen Verhaltens beurteilen.

Die Funktion, dass wir versuchen, von Handlungen anderer auf deren stabile Eigenschaften zu schließen, ist an sich recht hilfreich. Das Erkennen von Mustern und Tendenzen vermittelt uns ein Gefühl der Kohärenz und hilft uns, uns in der Welt zurecht zu finden und sie zu verstehen. Diese Schlussfolgerungen beruhen überwiegend auf implizitem Wissen und finden beinahe ständig und automatisch statt. Wenn allerdings ein unerwartetes Ergebnis auftritt, wird dafür nach einer neuen Erklärung gesucht oder bereits bestehende Erklärungen entsprechend angepasst.


Dabei kann es vorkommen, dass unsere Schlussfolgerungen verzerrt werden. Das kann vielerlei Gründe haben, von denen uns manche mehr, manche weniger bewusst sind. Häufig sind Attributionen von unserer Motivation und Kapazität abhängig. Wenn wir kognitiv bereits relativ ausgelastet sind, finden wir uns oft mit der einfachsten, naheliegendsten Erklärung ab, auch wenn es vielleicht nicht die zutreffendste ist. Herausstechend dabei ist die Tendenz, dass wir fehlerhaftes Verhalten und Misserfolge anderer oft den bewussten Intentionen oder grundlegenden, stabilen Eigenschaften der jeweiligen Person zuschreiben. Das heißt, dass wir gewissermaßen die handelnde Person für das Verhalten verantwortlich machen – auch wenn situationale Faktoren eine viel ausschlaggebendere Rolle gespielt haben könnten. Das hat teilweise damit zu tun, dass handelnde Personen im Vergleich zum „Stillleben“ ihrer Umwelt besonders hervorstechen und situationale Faktoren daher eher vernachlässigt werden. Hinzu kommt, dass wir versuchen, über viele verschiedene Situationen hinweg Muster zu erkennen, die die erwähnten Rückschlüsse auf die zugrundeliegenden Eigenschaften und Gewohnheiten zulassen. Das heißt: Wenn Maria wiederholt zu spät kommt, dann trägt Maria einfach das Laster der Unpünktlichkeit in sich und ist wohl recht unzuverlässig, auch wenn sie ein Mal auf dem Weg angehalten wurde und ein anderes Mal vielleicht die verspätete Bahn die Ursache war.


Die Tendenz, aus beobachtetem Verhalten Vermutungen über Eigenschaften abzuleiten, die mit dem Verhalten korrespondieren, hilft uns, uns auf zukünftige Situationen einzustellen und beim nächsten Mal schon damit zu rechnen, dass Maria wahrscheinlich zu spät kommen wird, denn das ist „typisch für sie“. Oder dass wir der Person, die uns auf der Straße nicht gegrüßt hat, in Zukunft mit Vorbehalten begegnen werden.


Es ist absehbar, wie sich solche Zuschreibungen dauerhaft auf Freundschaften und Partnerschaften auswirken können. Negative Verhaltensweisen fallen uns umso mehr auf, weil sie mit unseren Annahmen übereinstimmen und wir uns in unserer Erwartungshaltung bestätigt fühlen. Auch wenn, wie sich manchmal zeigt, diese Erwartungshaltungen völlig unbegründet sind. Diese Attributionsfehler sollen jedoch nicht heißen, dass stabile Veranlagungen und handlungsübergreifende Tendenzen bei Menschen nicht existieren. Sondern lediglich, dass wir uns oft zu schnell und zu einfach auf diese Faktoren stützen, wenn es darum geht, die Gründe für das Handeln anderer zu interpretieren.

PersönlichkeitsmerkmaleDoch auch für uns selbst gilt, dass wir ein natürliches Streben danach zeigen, die Dinge im Griff zu haben, mit unserem eigenen Tun ein Ziel zu erreichen und demnach die Konsequenzen unserer eigenen Handlungen vernünftig einschätzen zu können. Ist diese Annahme verletzt, so scheint es, als wäre alles dem Schicksal überlassen und als könnten wir, egal wie sehr wir uns auch anstrengen, den Lauf der Dinge nicht beeinflussen.

Während wir bei Misserfolgen anderer nach in der Person liegenden Gründen suchen, neigen wir hingegen bei uns selbst dazu, situationale Bedingungen für Situationen, in denen etwas schief gelaufen ist, zur Verantwortung zu ziehen. Dies entspricht etwa dem obigen Beispiel, für eine verpatzte Prüfung oft aus Gründen des Selbstschutzes die Unfairness des Prüfers verantwortlich zu machen. Sondern lediglich, dass wir uns oft zu schnell und zu einfach auf diese Faktoren stützen, wenn es darum geht, die Gründe für das Handeln anderer zu interpretieren.

Doch jeder ist sich selbst der größte Kritiker und es kommt natürlich auch vor, dass wir Misserfolge internal attribuieren, also beispielsweise unserer eigenen Unfähigkeit zuschreiben. Diese Zuschreibungen zu inneren Faktoren können darin variieren, wie sehr sie als stabil über die Zeit hinweg und in welchem Ausmaß sie auch für andere Lebensbereiche gelten. Ein pessimistischer Attributionsstil besteht vor allem darin, Misserfolge internal (in der eigenen Person liegend) und stabil (über verschiedene Zeitpunkt hinweg) zu attribuieren. Das heißt, die eigene Unfähigkeit gilt nicht nur für diese, sondern auch für andere Situationen in der Vergangenheit und Zukunft. Dann hat man nicht nur in einer Prüfung versagt, sondern einfach prinzipiell kein Talent. Und es ist nicht nur der Bekannte auf der Straße, sondern die ganze Welt, die einen im Grunde genommen nicht leiden kann. Besonders Menschen mit niedrigem Selbstwert tendieren zu diesen Denkmustern. Diese Denkweise hat maßgebliche Auswirkungen darauf, wie wir unseren eigenen Einfluss und unsere Fähigkeit einschätzen, besonders in schwierigen Situationen Veränderungen anzustoßen.

Wer diesbezüglich etwas bewusster durch die Welt geht und die Augen öffnet für möglicherweise verzerrte Zuschreibungen, die zwar simpel, aber manchmal nicht die fairsten sind, kann womöglich eigene „Schuldzuweisungen“ an andere aus einem neuen Blickwinkel betrachten und überdenken. Durch etwa klärende Gespräche können Missverständnisse aufgedeckt und zudem enstehenden Frustrationen entgegengewirkt werden – die Hemmschwelle für ein bewusstes Ansprechen mag zwar höher sein, ist aber im Endeffekt fruchtbarer und auch befreiender. Abgesehen von unserem Verhältnis zu anderen hat eine erhöhte Bewusstheit dieser Prozesse aber auch wichtige Auswirkungen für unser Selbst. In sich hinein zu horchen und auf Ursachenforschung zugehen hat vor allem eine selbstwertdienliche Funktion, indem man sich selbst daran erinnert, dass erlebte Misserfolge oftmals mit bestimmten Gegebenheiten und Umständen verknüpft sind und es beim nächsten Mal bestimmt besser klappt. Ein deutlicher Zusammenhang besteht also zwischen unserer Attribution, Motivation und Leistung und vor allem den Emotionen, die uns dabei begleiten. All das prägt unsere zukünftigen Erwartungen an uns selbst und an andere – und wir können aktiv dazu beitragen, diese Erwartungen optimistischer zu gestalten.

Weiterführende Links:
Onlinetraining: Umgang mit Gedanken
Onlinetraining: Depressionsbewältigung
Onlinetraining: Stressmanagement

Text: Marlene Heinzle - Impulsdialog
Foto: Steffen Walther

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