Stigmatisierende Einstellungen beruhen oft auf Missverständnissen und voreingenommenen Wahrnehmungen in der Gesellschaft. Teilweise beruhen diese Missverständnisse auch auf der Porträtierung von psychisch Kranken in Filmen und anderen Medien. Dort werden häufig negative Eigenschaften, wie etwa Unberechenbarkeit und Verantwortungslosigkeit besonders überzeichnet darsgestellt. Hinzu kommt, dass besonders in medialen Berichterstattungen negative Darstellungen größere Beachtung finden und vergessen wird, dass diesen eine Vielzahl an Patienten gegenüber stehen, auf die solche negative Zuschreibungen in weitaus geringerem Maße zutreffen, die aber aufgrund ihrer Unaufälligkeit kein solches Aufsehen erregen.
Darüber hinaus bestehen Unterschiede zwischen diagnostischen Kategorien, d.h. schizophrene Menschen werden anders wahrgenommen als Depressive und alkhoholabhängige Menschen anders als Menschen mit Angststörungen. Über verschiedene Störungsbilder hinweg stößt man oft auf die Haltung, dass psychisch Kranken mehr oder weniger Inkompetenz, Verantwortungslosigkeit und Schuldhaftigkeit zugeschrieben wird. Vorwiegend wird ihnen seitens der Gesellschaft mit Wohlwollen begegnet, indem verschiedene Einrichtungen und Anlaufstellen Hilfe anbieten – oft wird jedoch aus anderen Richtungen mit Angst und Ausgrenzung reagiert. Ausgrenzung und Ablehnung beschränken sich dabei nicht nur auf den persönlichen Kontakt mit anderen Menschen, sondern weitet sich auch auf Bereiche wie Arbeit, Wohnen und Gesundheitsversorgung aus, in denen Betroffene benachteiligt werden.
Wenn das Stigma verinnerlicht wird: die doppelte Belastung
Wenn erkrankte Menschen häufig auf abweisende Reaktionen stoßen, können diese abwertenden Einstellungen internalisiert werden: sie werden selbst überzeugt davon, jene negativen Eigenschaften zu besitzen, die ihnen von ihrer Umwelt zugeschrieben werden. Das kann ihre Lebensqualität noch zusätzlich beeinträchtigen: ein depressiver Patient fühlt sich so etwa noch alleingelassener, noch wertloser und die soziale Distanz zu anderen wächst. Ein Stigma stellt also, zusätzlich zu den Symptomen und Beeinträchtigungen, die eine Erkrankung mit sich bringt, noch eine weitere Belastung dar und kann somit den Weg der Besserung erschweren.
Stigma am Beispiel Depression
Vor allem im Hinblick auf Depression stößt man auf die verbreitete Ansicht, dass dieser Zustand lediglich ein Mangel an Selbstkontrolle ist – eine Art „Reiß’ dich mal zusammen“-Mentalität. Das rührt womöglich daher, dass die Natur der Krankheit selbst soziale Interaktionen erschwert – Antriebslosigkeit, Grübeln und negative Gedanken tragen dazu bei, dass depressive Menschen als „keine gute Gesellschaft“ erscheinen. Doch gerade für Außenstehende, die selbst nicht betroffen sind, ist es schwer, diese inneren Vorgänge zu verstehen und nachzuvollziehen. Nachzuvollziehen, dass es sich dabei nicht um eine Schwäche und einen Mangel an Willensstärke handelt, sondern um eine ernstzunehmende und beeinträchtigende Erkrankung. Oft ist es bereits hilfreich, den Betroffenen zu vermitteln, dass man womöglich nicht in allen Situationen die richtigen Worte findet, aber man als Unterstützung zur Seite steht.
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