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Erfahrungsbericht Morbus Crohn: Eine Krankheit als Chance

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Ich fing wieder an zu leben!

Einer meiner Träume ging in Erfüllung. Mit 30 Jahren (2000) lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Ich wurde schwanger. Das war für mich eine ganz große Freude. Ich war so glücklich wie niemals zuvor. Während ich schwanger war, hielt mein Crohn Ruhe, obwohl ich alle Medikamente absetzte. Als die Geburt anstand hatte der Crohn wieder einmal seine Finger im Spiel und es konnte daher kein Wehentropf angehängt werden. Es sei zu gefährlich, wenn der Darm zu sehr krampft, meinten die Ärzte. Also bekam ich einen Kaiserschnitt. Unsere Tochter ist kerngesund. Was für ein großes Glück! Aber da war er wieder, der Morbus Crohn. Selbst mein Kind konnte ich nicht natürlich auf die Welt bringen!

Sabine Schaub
Zu diesem Zeitpunkt war ich
31 Jahre (2001). Leider hatte ich anfangs sehr große Probleme, durch den Kaiserschnitt, eine Beziehung zu unserer Tochter aufzubauen. Mit der Zeit ging es immer besser. Ich liebe mein Kind unendlich, aber sie hatte immer eine kranke Mutter. Nach der Geburt unserer Tochter war ich völlig überfordert. Der Crohn kam wieder auf das heftigste. Ich musste wieder das Immunsuppressiva (Azathioprin) nehmen. Ich wollte alles richtig machen mit der Erziehung unserer Tochter und war 11 Jahre lang verkrampft. Die Depressionen wurden schlimmer. Ich bemerkte es nicht, ich funktionierte und bewältigte meinen Alltag. Dachte, das Leben sei halt nicht einfach, stürzte mich immer mehr auf meine Tochter, nahm ihr die Luft zum atmen. Sonst hatte ich keine Aufgabe!

Jahrelang spürte ich, das irgendetwas nicht stimmte, ich wünschte mich sehr oft in eine Klinik, weil ich einfach nicht mehr konnte. Aber wo sollte so lange Zeit unsere Tochter hin? Also machte ich immer irgendwie weiter! Den Morbus Crohn hatte ich mit dem Immunsuppressiva gut im Griff. Leider hatte ich ständig Infekte und Ekzeme, da das Immunsuppressiva die Immunabwehr herabsetzte, war ich sehr anfällig. Mir ging es die ganzen Jahre sehr schlecht, ich musste ständig mit Antibiotika behandelt werden, fünf bis sechs mal im Jahr, weil mein Körper es nicht schaffte die Infekte alleine zu bewältigen. Ich war nur noch am leiden, am jammern, wie schlimm doch alles sei. Die Opferrolle war mir!

Unzufriedenheit und Verbitterung machte sich in mit breit. Warum? Das wusste ich nicht, hatte ich doch einen liebevollen Mann, eine gesunde liebe Tochter, zudem ein Haus und meine zwei Katzen. Ich durfte doch gar nicht unzufrieden sein. Ich hatte keine Träume mehr. Sie waren alle erfüllt. Was sollte ich noch tun können mit der Erkrankung Morbus Crohn? Manchmal dachte ich, sollte es das gewesen sein mit dem Leben? Körperlich und psychisch war ich am Ende meiner Kräfte. Ich hatte immer noch keine Ahnung wie eine Krankheit, die so viel Leid bringt, eine Chance sein könnte.

Mittlerweile war unsere Tochter 11 Jahre. Es war im Jahre 2012, ich war 42 Jahre, als ich wieder einmal in eine Klinik ging. Meine Tochter war jetzt groß genug und einigermaßen selbstständig. Ich entschied mich dazu heimatnah eine stationäre Therapie zu machen. Die Klinik brachte mir sehr große Erleichterung und Entlastung. Ich brauchte mich nur um mich zu kümmern, das tat mir sehr gut, obwohl ich unsere Tochter und auch meinen Mann vermisste. Nach zwei Wochen durfte ich an den Wochenenden nach Hause. Das erste mal in meinem Leben bekam ich einen Verhaltenstherapeuten. Das war ein großes Glück für mich. Mit dieser Therapie konnte ich endlich etwas anfangen.

So und jetzt endlich zu: Krankheit als Chance ?!

Diese eine Stunde, als ich vor meinem Therapeuten saß, aufs übelste über den Morbus Crohn zeterte. Wie schlimm diese Erkrankung doch sei, das diese Krankheit mir das ganze Leben versaut und mir alles genommen habe: meine Jugend, meinen Traumberuf, meine Arbeitskraft, eine natürliche Geburt meiner Tochter, meine Lebensfreude. Und das Ich durch die Erkrankung nichts auf die Reihe gebracht habe, mein ganzes Leben lang. Ich vergaß sie nie, diese eine Therapiestunde.

Die Reaktion des Therapeuten verstand ich zunächst nicht: Er nahm einen Kuli in die Hand, drehte ihn falsch herum und malte sehr wütend mit diesem Kuli auf dem Tisch. Der Kuli schrieb und schrieb einfach nicht. Der Therapeut drehte ihn herum! Dann schrieb der Kuli natürlich. Daraufhin erklärte er mir, dass ich die Sichtweise ändern könne. Das verstand ich immer noch nicht. Er sagte mir, dass Menschen, die ein Bein verloren haben, an den Paralympics teilnehmen und den ersten Platz damit erreichen. Was diese Menschen ohne ihre Behinderung nie getan hätten! Diese Stunde brannte sich in mein Gehirn.

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