Bei Überlegungen auf Grundlage der Lerntheorien wird deutlich, dass Enttäuschungen generell die Hoffnung mindern bzw. auslöschen sollten. Denn es sollte gelernt werden, was nicht zu Erfolg führt, wird auch nicht wiederholt. Dies wäre auch konform mit der Annahme, Hoffnung sei abhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit des erhofften Ereignisses. Nun ist dies offenbar nicht der Fall, die Hoffnung bleibt trotz Nicht-Eintretens bei vielen Menschen (wie denjenigen im Casino) bestehen.
Drei Monate, nachdem der Arbeitssuchende die Bewerbung an seine bevorzugte Arbeitsstelle abgeschickt hat, erhält er noch immer keine Antwort. Die Hoffnung, die Zusage möge verspätet noch kommen, lässt sich vielfach rechtfertigen und aufrechterhalten (Verzögerungen des Bewerbungsverfahrens, die Absage eines anderen Bewerbers,…), bis bei einer endgültigen Absage die Eintrittswahrscheinlichkeit bei Null liegt. Da der Casinobesucher immer weiter spielen kann, wird er sich von der Hoffnung im Gegensatz zum Bewerber vermutlich nicht lösen können. Dennoch kann der Bewerber in der Zwischenzeit Chancen verpasst und ungünstige finanzielle Ausgaben gemacht haben: Er hat sich bei anderen Stellen erst gar nicht beworben, da er sich subjektiv sicher war, die Stelle zu bekommen. Er hat ein anderes Stellenangebot abgesagt. Er hat bereits Wohnungen in der neuen Stadt besichtigt und Einrichtungsgegenstände bestellt.
Dieses Beispiel mag nicht auf jeden zutreffen, doch veranschaulicht es deutlich, dass eine große Hoffnung den Realitätsbezug vermindert. Die Hoffnung auf das Ideal beeinflusst die aktuelle Lebensweise und zwar so, dass Gegenwart und Zukunft zunehmend vermischt werden. Damit wächst jedoch auch die Diskrepanz zwischen hoffnungsvoller Vorstellung und realer Situation. Je unangenehmer die reale Situation ist, desto attraktiver wird die Hoffnung auf ein Ideal.
Dazu kommen mit der Zeit auch Schuldgefühle, dass bisher nichts geschafft wurde, da das Ziel nicht erreicht werden konnte. Die eigene Uneinsichtigkeit bezüglich des eigenen Dauer-Hoffens in die Enttäuschung mischt sich unterschwellig dazu und um diese zu umgehen wird die Hoffnung als Rechtfertigung zu gerne aufrecht erhalten. Irgendwann kann es dazu kommen, dass man nicht mehr allein auf ein Ereignis hofft, sondern um der Hoffnung willen auf ein Ereignis hofft. In diesem Fall wird deutlich, dass Hoffnung eine wahre Realitätsuntauglichkeit beweisen kann.
In dieser realitätsuntauglichen Stabilität der Hoffnung zeigt sich auch eine Ausprägung von Narzissmus. In der großen Hoffnung auf ein Ereignis erfolgt wie beim Narzissmus generell eine Konzentration des Interesses auf sich selbst bzw. sich selbst als hoffender Mensch und reguliert das eigene Selbstbild und das eigene Weltbild. Durch die Hoffnung erscheint das Ereignis näher und daher leichter regulierbar. Die eigene Kompetenzwahrnehmung zur Veränderung des Status Quo wird erhöht, selbst wenn man noch genau dort steht wie am Anfang – bevor die Hoffnung ausgebildet wurde.
In starker Formulierung bedeutet dies Folgendes: Meine Hoffnung wird entgegen aller Dynamiken die Welt so verändern, wie ich sie haben möchte. Das Ungleichgewicht von Realität und Hoffnung aufrecht zu erhalten, fordert einige Anstrengung. Die Unterschiedlichkeit beider wird immer größer, je weiter die Hoffnung anwächst, sofern nicht endlich das erhoffte Ereignis eintritt. Für die Lebensqualität förderlich wirkend ist dagegen, so Retzer (2015), eine „resignative Reife“.
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