Persönlichkeit entwickeln

Geld und das Glück – Macht mehr Geld den Menschen glücklicher?

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Optionen kosten nichts, solange man das Geld hat

Es gibt noch mindestens einen weiteren psychologischen Mechanismus im Zusammenhang mit Geld, der womöglich mehr bei der Entstehung der Euphorie bei einem Lottogewinn beteiligt ist als alle bisher genannten – Geld kauft Ihnen nämlich nicht nur Dinge oder Status oder Sorgenfreiheit, sondern vor allem Möglichkeiten und Optionen im Leben. Mit zwanzig Cent können Sie gerade mal ein Ketchuptütchen in einem Fast-Food Restaurant kaufen, mit zwanzig Euro können Sie aber bereits eine große Anzahl and Dingen kaufen: Vom Essen im billigen Restaurant, über Kinokarten mit Popkorn, bis hin zu günstigen Schuhen, oder einem Haarschnitt, ist bereits alles mögliche dabei. Mit zweitausend Euro können Sie sich bereits einen guten Fernseher oder ein schlechtes Auto leisten. Oder Sie können jeden zwanzig Euro Artikel bis zu hundert Mal kaufen. Die Möglichkeiten sind beinahe unendlich, da sich Geld als universelles Tauschmittel bewährt. Je mehr Geld desto mehr Optionen, und während der Altreiche bereits an die konstante Fülle der Möglichkeiten im Hinterkopf angepasst ist, fühlt sich der Neureiche völlig überschwemmt in einem unendlich erscheinenden Meer von verlockenden Möglichkeiten. Wenn wir uns vorstellen, plötzlich reich zu sein, stellen wir uns also vor allem diesen einen Moment vor, in dem die Welt sich zu öffnen scheint und zu unserer Spielwiese wird - doch nicht immer realisieren wir, dass dieses Gefühl nicht von Dauer ist und gar nicht sein kann. Der Verlust oder das Ausgeben von Geld bedeutet im Umkehrschluss einen Verlust von potentiellen Optionen, was vielleicht eine Erklärung dafür sein könnte, warum Reiche im allgemeinen risikoaversiver werden im Vergleich zu ihrem vorherigen Selbst und sich aus Sicht der Nichtreichen bisweilen auch erstaunlich geizig verhalten können.

Kann man genug Geld haben?

Macht mehr Geld denn nun glücklich oder nicht? Lottogewinner werden tatsächlich nicht selten sogar langfristig unglücklicher, weil sie durch das Geld permanent viele ihrer ursprünglichen sozialen Kontakte einbüßen. Für alle, die ihr Geld nicht im Lotto gewinnen oder überraschend viel erben scheint es so, als ob ab einem bestimmten Jahreseinkommen kaum noch Fortschritte im Glücksempfinden festzustellen sind. Laut den beiden Psychologen Daniel Khaneman und Angus Deaton liegt dieser Betrag in den USA bei ca. 75.000$ (~67.000€) pro Jahr, darunter steigt sowohl das Glücksempfinden als auch die Bewertung des Lebens logarithmisch. Wenn man also nichts hat, dann ist jeder fünfzig Euro Geldschein eine große Sache, weil man mit ihm die dringend notwendigen Lebensgrundlagen erwerben kann. Die „Glückskurve“ verläuft demnach bei extrem niedrigem Einkommen in einem sehr steilen Winkel nach oben, während sie beinahe komplett flach verläuft ab 75.000$ Einkommen pro Jahr. Der Unterschied im Glücksempfinden zwischen Menschen mit 60.000$ und 75.000$ Einkommen pro Jahr ist also trivial im Vergleich zum weitaus größeren Unterschied im Glücksempfinden zwischen Menschen mit 10.000$ und 25.000$ pro Jahr.

Wofür man sein Geld am besten ausgeben sollte

Wofür setzt man Geld ein, um ein Maximum an Wohlbefinden zu generieren? Auch dafür hat die Forschung Vorschläge: Geben Sie Ihr Geld am besten vorrangig für Erfahrungen (idealerweise zusammen mit anderen Menschen) aus, und nicht so oft für Gegenstände. Sie werden an Ihren Erinnerungen länger Freude haben und vielleicht sogar durch diese neuen Erfahrungen wachsen, sowie ihre sozialen Kontakte festigen. Am Ledergeruch und den Konturen des neuen Autos werden Sie sich in ein paar Wochen meist nicht mehr erfreuen, wenn Sie im Stau stehen und sich über den verpassten Termin sorgen machen. Geben Sie auch etwas von Ihrem Geld an jemanden weiter, der es mehr braucht als Sie. Wenn Sie dies nie zuvor getan haben, kann ich nur empfehlen, es zumindest einmal zu versuchen. Sie werden vermutlich erstaunt sein, wie gut Sie sich danach fühlen werden. Altruismus  fühlt sich gut an. Weshalb es auch aus evolutionärer Sicht für Individuen einer hochgradig sozialen Spezies Sinn ergibt, sich als Resultat von altruistischem Handeln gut zu fühlen, wird Ihnen aus eigenen Erfahrungen bekannt sein. Selbstlosigkeit macht uns einfach glücklicher – übrigens auch ganz unabhängig davon, ob Sie bereits reich sind oder noch ein Weilchen auf die richtigen Zahlen warten müssen.

Autor: Eugen Groh (Impulsdialog)



Quellen:
Clifton, J. (2015). Who Are the Happiest People in the World? The Swiss or Latin Americans? URL: http://www.gallup.com/opinion/gallup/182843/ha ppiest-people-world-swiss-latin- americans.aspx (Stand: 28.07.2015)

John, H, F., Layard, R. Sachs, J., (Hrsg.) (2015). World Happiness Report 2015. New Work: Sustainable Development Solutions Network URL: http://worldhappiness.report/ (Stand: 28.07.20 15)

Kahneman, D., Deaton, A. (2010). High income improves evaluation of life but not emo tional well- being . Proceedings of the National Academy of Sciences, 107 (38), 16489-16493.

Diener, E., Diener, M., Diener, C. (1995). Factors Predicting the Subjective Well-Being of Nat ions . Journal of Personality and Social Psychology, 69 (5), 851-864.

Brickman, P., Coates D. (1978). Lottery Winners and Accident Victims: Is Happiness Relative? Journal of Personality and Social Psychology, 36 (8), 917-927.

Gilbert, D. (2006). Stumbling on Happiness. New York: Alfred. A. Knopf.

Berns, G. (2005). Satisfaction. New York: Henry Holt.

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