Persönlichkeit entwickeln

Auf den Spuren des Selbst: das autobiographische Gedächtnis

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Solche Experimente wurden mit verschiedensten „gefälschten“ Kindheitserinnerungen wiederholt, etwa dass die Teilnehmer in der Kindheit mit hohem Fieber eine Nacht im Krankenhaus verbracht oder aus Versehen die Sprinkleranlage in einem Lebensmittelgeschäft ausgelöst hätten. Die Ergebnisse dieser Versuche waren vergleichbar mit denen von Loftus, nämlich dass ein Teil der Teilnehmer tatsächlich eine Erinnerung an ein nie stattgefundenes Ereignis konstruierte. In einem weiteren Versuch wurden den Teilnehmern Fotos vorgelegt, die sie als Kinder zusammen mit einem Familienmitglied in einem Heißluftballon zeigten. Bei den Fotos handelte es sich um montierte Fotos. Trotzdem berichteten einige Teilnehmer nach dem Anblick dieser Bilder, sich an den Ausflug im Heißluftballon erinnern zu können.

Fehlinformationen können also, sofern sie wahrscheinlich und plausibel und dazu noch von einer verlässlichen Quelle zu stammen scheinen, dazu beitragen, dass bestehende Erinnerungen verzerrt und auch, dass von Grund auf falsche Erinnerungen entwickelt werden können. Ein vermuteter zugrundeliegender Mechanismus ist, dass durch die intensive Vorstellung eines Ereignisses (etwa beim Lesen einer Geschichte darüber, wie man als Kind im Einkaufszentrum verloren ging) uns das Ereignis später umso vertrauter erscheint. Werden wir also später zu diesem Ereignis befragt, so fällt uns diese Vorstellung wieder ein und wir schreiben dieses Gefühl der Vertrautheit der Annahme zu, es wäre tatsächlich passiert. Somit geschieht eine Art Quellenverwechslung. Das Gefühl der Vertrautheit stammt nämlich von der früheren Vorstellung des Ereignisses, nicht von dessen tatsächlichen Geschehens.


Fazit

 
Unser Gedächtnis wird also von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst: von nachträglichen Informationen, von der Verlässlichkeit der Informationsquellen und schließlich auch davon, wie alt die Person zum Zeitpunkt des Erinnerns und auch zum Zeitpunkt des erinnerten Ereignisses ist. Erinnerungen haben somit mehr den Charakter von Rekonstruktionen und weniger den von Kopien. Forschungsergebnisse haben dabei gezeigt, dass verschiedenste Mechanismen sogar relativ normal sind: erstens, dass Informationen aus dem Gedächtnis verloren gehen und zweitens, dass unwahre Details in ansonsten richtige Erinnerungen integriert werden (oder seltener, wie bereits illustriert, aufgrund von Suggestion und Imagination völlig falsche Erinnerungen konstruiert werden). Forschungsergebnisse wie jene über das Verlorengehen im Einkaufszentrum mögen verblüffend sein, verleiten uns aber auch dazu, die Fehlbarkeit unseres Gedächtnisses überzubetonen.

Solche Ergebnisse sollen nicht verdeutlichen, dass dem autobiographischen Gedächtnis auf keinen Fall zu trauen ist – es mag vielleicht der Fall sein, dass gewisse Details von Erinnerungen unwahr sind, doch in der Mehrheit der Fälle sind sie im Großen und Ganzen zutreffend. Und oft ist gerade diese akkurate Basiseigenschaft von Erinnerungen auch völlig ausreichend. Wenn wir uns vorstellen, wie viele Erinnerungen sich im Laufe unseres Lebens ansammeln und was für wichtige Funktionen sie haben, damit wir uns in unserer Umwelt zurechtfinden, so stellen wir fest, dass unser Gedächtnis über die gesamte Lebensspanne hinweg beachtliche Leistungen erbringt. Erinnerungen stellen ein umfangreiches Wissen über uns selbst dar und tragen zu einem Gefühl des kohärenten, bedeutungsvollen Daseins bei.

Autor: Marlene Heinzle (Impulsdialog)

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