Persönlichkeit entwickeln

Wie Smartphones unser Denken verändern

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In manchen Situationen können wir aber wählen zwischen der schnellen, wenig aufwändigen Heuristik, die ein gewisses Fehlerrisiko beinhaltet, oder der aufwendigen, langsameren Analyse, die aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit das richtige Ergebnis liefert. Menschen unterscheiden sich darin, zu welcher Denkstrategie sie in solchen Situationen, wie zum Beispiel der Matheaufgabe neigen. Heuristiken machen das Denken leichter und weniger aufwändig. Genau die gleiche Funktion erfüllt ein Smartphone, mit dem man sich in vielen Situationen anstrengendes Nachdenken ersparen kann. Barr und seine Kollegen dachten diesen Gedanken weiter und bezeichneten das Smartphone als eine gedankliche Abkürzung außerhalb des Gehirn - eine externe Heuristik. Tatsächlich fanden Sie in einer Studie heraus, dass diejenigen Menschen, die mehr dazu neigen die schnelle Denkweise zu benutzen, auch eher zu extensivem Smartphonegebrauch neigen. Das Smartphone erfüllt also die natürliche Neigung des Menschen sein Denken abzukürzen und gedankliche Anstrengung zu vermeiden.

Intellektuelle Unterforderung durch Smartphone-Nutzung?

Durch die ständige Verfügbarkeit des Smartphones wird das aktive Nachdenken und Erinnern weniger gefordert. Es ist also naheliegend, dass unser Gedächtnis darauf reagiert. Es gibt verschiedene Prozesse, die unser Gehirn erfolgreich ausführen muss, damit wir eine Erinnerung langfristig behalten. Zunächst muss die relevante Information enkodiert, das heißt eingespeichert werden. Dabei ist es grundlegend, diese wahrzunehmen und zu verstehen, was nur möglich ist, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie richten. Unser Kontingent an Aufmerksamkeit ist begrenzt, deswegen müssen wir dieses aufteilen, wenn wir mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeiten. Dementsprechend steht für jede einzelne Aufgabe weniger Aufmerksamkeit zur Verfügung.

Nehmen wir als Beispiel den Second-Screen-Effekt, den die holländische Psychologin Anna van Cauwenberge untersuchte. Sie stellte Studierende vor die Aufgabe Nachrichten zu schauen, wobei sie entweder nur diese Aufgabe ausführten oder sich nebenbei mit einer zweiten Aufgabe beschäftigten - mit ihrem Smartphone. Diejenigen, die nur Nachrichten schauten, also ihr ganzes Aufmerksamkeitskontingent nur dieser einen Aufgabe zur Verfügung stellten, konnten hinterher wesentlich mehr Inhalte des Gesehenen erinnern als diejenigen, die ihre Aufmerksamkeit zwischen den zwei Aufgaben aufteilten. Durch das mehr an Aufmerksamkeit hatten Sie auch mehr eingespeichert.

Kommen wir zu einem zweiten Gedächtnisprozess - dem Abruf. Es ist nicht genug damit eine neue Information einzuspeichern. Um sie sinnvoll zu nutzen, muss auch auf sie zugegriffen werden. Das ist mit Nachdenken verbunden - man muss sich anstrengen, um auf die Information zuzugreifen. Wir haben bereits festgestellt, dass wir häufig Heuristiken benutzen. Wir greifen also zu unserem externen Hilfsmittel, dem Smartphone, um diese Anstrengung zu vermeiden. In diesem Fall erfüllt die Anstrengung allerdings eine Funktion: das intensive Nachdenken hilft, die Erinnerungen im Gedächtnis zu festigen, denn was man einmal selbst abgerufen hat, das bleibt eher im Gedächtnis. Im Umkehrschluss merkt man sich, was man nur gegoogelt hat, schlechter und das Wissen, das man über das Smartphone erfahren hat, finden wir nur in unserem externen Gedächtnisspeicher, dem Internet, wieder.

Auch weitere alltägliche Denkprozesse werden durch die Smartphone-Nutzung beeinflusst. Wie bei Gedächtnisprozessen, spielt die Aufmerksamkeit dabei eine wesentliche Rolle. Um eine Aufgabe möglichst effektiv zu bearbeiten, sollte man ihr möglichst viele Aufmerksamkeitskapazitäten zukommen lassen. Bearbeitet man parallel eine andere Aufgabe, muss man sein Kontingent an Aufmerksamkeit aufteilen und mindert so seine eigene Leistungsfähigkeit. Eine ankommende Nachricht, allein das Aufblinken des Smartphones lösen ablenkende Gedanken aus. Das nimmt so viel Aufmerksamkeitskapazität ein, dass die Leistung in der eigentlichen Aufgabe beeinträchtigt wird und wir schlechtere Ergebnisse zeigen - sei es in Arbeit, Studium oder Schule.

Nutzen von Smartphones

Smartphones haben aber nicht nur negative Effekte auf unser Denken. Für Menschen mit einem schlechten prospektiven Gedächtnis, das heißt für diejenigen, die Schwierigkeiten haben, sich an ihre Termine und Aufgaben zu erinnern, gibt es kaum ein wirkungsvolleres Hilfsmittel als die Erinnerungsfunktion im Handy. Kaum jemand wird außerdem bestreiten, dass es über Online-Kommunikationsdienste deutlich einfacher ist über weite Distanzen in Kontakt zu bleiben, als über herkömmliche Kommunikationsformen. Auch eine riesige Wissensdatenbank in der Hosentasche ist sicherlich nicht von Nachteil - solange der Akku nicht leer ist. Ob ein Smartphone das Richtige ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden, wichtig ist dabei nur, über die kognitiven Erleichterungen durch das Smartphone, das selber Denken nicht zu verlernen.


Autor: Lilian Seidler (Impulsdialog)

Quellen:
Barr, N., Stolz, J., Fugelsang, J. (2015). The brain in your pocket: Evidence that Smartphones are used to supplant thinking. Computers in Human Behavior, Vol. 48, 473-480.

Clayton, R., Leshner, G., Almond, A. (2015). The Extended iSelf: The Impact of iPhone Separation on Cognition, Emotion, and Physiology. Journal of Computer-Mediated Cognition, Vol. 20, 119-135.

Stothart, C., Mitchum, A., Yehner, C. (2015).The Attentional Cost of Receiving a Cell Phone Notification. Journal of Experimental Psychology, Vol. 41, 893-897.

Thornton, B., Faires, A., Robbins, M.,Rollins, E. (2014) The Mere Presence of a Cell Phone May be Distracting Implications for Attention and Task Performance. Social Psychology, Vol. 45, 497-488.

Van Cauwenberge, A., Schaap, G., Van Roy, R. (2014) ’’TV no longer commands our full attention.’’ Effects of second-screen viewing and task relevance on cognitive load and learning from news. Computers in Human Behavior,Vol. 38, 100-109.

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