Persönlichkeit entwickeln

Traumatransmission - Kann man ein Trauma vererben?

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Auf einen Blick:

1. Seite: Einführung und Gene

2. Seite: Reaktionen des Gehirns auf Trauma - Amygdala

3. Seite: Erinnerung und Trauma - Hippocampus

4. Seite: Traumatransmission

5. Seite: Negative Emotionen

6. Seite: Zusammenfassung

Seite 5 - Negative Emotionen

Meist ist aber nicht nur die Reaktion auf die emotionalen Bedürfnisse der Kinder beeinträchtigt. Oft ruft auch das Verhalten der Eltern selbst negative Emotionen im Kind hervor. PTBS belastete Eltern sind leichter reizbar und weniger stressresistent und damit auch weniger geduldig mit ihren Kindern. Das fördert Wutausbrüche und destruktive Reaktionen auf die Emotionen des Kindes. Dem Kind werden so Gefühle der Hilflosigkeit, Traurigkeit und Wut vermittelt, außerdem leidet sein Selbstwertgefühl darunter. Zusätzlich kann es vorkommen, dass Kinder Schuldgefühle entwickeln und sich für die Probleme der Eltern verantwortlich fühlen. Wenn die Eltern Opfer politischer Gewalt wurden, kommt es vor, dass Kinder eine projektive Identifikation entwickeln. Sie identifizieren sich dann so stark mit dem Trauma der Eltern, als wäre es ihr eigenes und durchleben es manchmal sogar selbst in Tagfantasien oder Alpträumen.
Die Defizite in der Verarbeitung und dem Verständnis von Emotionen bei einigen Familienmitgliedern haben negative Auswirkungen auf die Familienstruktur. Dass die PTBS nicht nur die Person selbst, sondern ihr gesamtes nähere Umfeld betrifft, zeigt zum Beispiel eine amerikanische Studie mit Frauen von Kriegsveteranen. Die Frauen, deren Ehemänner an PTBS litten, fühlten sich deutlich unzufriedener, weniger stressresistent und eingeschränkter in ihrem Emotionsausdruck als Frauen von Kriegsveteranen ohne PTBS. Sie berichteten außerdem von deutlich mehr somatischen Symptomen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen und deutlich mehr familiären Konflikten.

Das macht deutlich, dass wenn ein Familienmitglied einem Trauma ausgesetzt wird, das auch Auswirkungen auf die restlichen Familienmitglieder und ihr Beziehungsgefüge haben kann. Zum einen fällt das traumatisierte Mitglied zumindest teilweise als Unterstützer und Ansprechpartner weg. Derjenige zieht sich dann meist zurück und hat Schwierigkeiten über emotionale Themen zu sprechen. Zum anderen wird die traumatisierte Person selbst zum Stressor, in dem er mehr Unterstützung braucht, aber auch Konflikte hervorruft, oder bei den nichttraumatisierten Familienmitgliedern Schuldgefühle hervorruft.

Diese Konflikte können nicht effizient gelöst werden, da die notwendige Kommunikation gestört ist: Rückzug, Wutausbrüche und Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen verhindern die Aussprache. Ein deutlich geringeres Wohlbefinden aller Familienmitglieder – einhergehend mit weniger Ressourcen zur Bewältigung und durchgehender zusätzlicher Belastung durch die traumatisierte Person - können die Effizienz und Funktionalität des Familiengefüges stark beeinträchtigen. In einem solchen dysfunktionalen Familiengefüge können Kinder kaum lernen, ihre Bedürfnisse auszudrücken und in Konfliktsituationen angemessen zu reagieren.

Ihnen fehlt außerdem die emotionale Unterstützung, die sie brauchen. Den Kindern ist es so nicht möglich eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufzubauen. Gerade in der frühen Kindheit ist eine enge und vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern sehr wichtig. Bei Eltern, die dem Kind keine Wärme und Liebe zurückgeben können und zudem durch Wutausbrüche oder emotionalen Rückzug wenig berechenbar sind, kann keine solche Beziehung aufgebaut werden. Oft sind sie auch nicht in der Lage die Zeit gemeinsam mit dem Kind zu genießen und reagieren mit Abweisung. So sind sie nicht in der Lage dem Kind, die für es wichtige Wertschätzung zu vermitteln.

Indirekte Einflüsse: Probleme als Folge des Traumas

Indirekte Einflüsse sind Umstände, die durch die Traumatisierung der Eltern herbeigeführt oder zumindest beeinflusst worden sind, darunter fallen zum Beispiel häusliche Gewalt, Scheidungen, Missbrauch etc., die in Haushalten, in denen ein Elternteil an einer PTBS leidet öfter vorkommt als in vergleichbaren Haushalten, in denen keine Störung vorliegt. Durch ihre geringeren sozialen und kommunikativen Kompetenzen laufen Kinder von Eltern mit PTBS eher Gefahr sich in risikoreiche Situationen zu begeben, wie, Drogenkonsum, schlechte Gesellschaft etc, in denen sie dann selbst Gefahr laufen ein Trauma zu erleben. Ihre Eltern sind dann oft nicht in der Lage sie bei der Traumabewältigung zu unterstützen, weil sie ihr eigenes Trauma dadurch wieder erleben.

Ist jedes Kind traumatisierter Eltern selbst traumatisiert?

Nein, längst nicht jedes Kind von traumatisierten Eltern zeigt automatisch die oben genannten Symptome. Nur wenn Eltern auch eine pathologische Störung also eine PTBS aufweisen, hat das Auswirkungen auf ihre Kinder. Die Ausprägung der Symptome hängt außerdem von zahlreichen weiteren Faktoren ab, darunter das Alter der Kinder, das Alter der Eltern, ob nur ein Elternteil betroffen ist oder zwei, ob es einen weiteren Halt im Leben des Kindes gibt, wie zum Beispiel Religion oder eine weitere erwachsene Bezugsperson und ob das Trauma der Eltern in der Gesellschaft thematisiert werden kann oder es ein Tabuthema ist.

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