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Traumatransmission - Kann man ein Trauma vererben?

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Auf einen Blick:

1. Seite: Einführung und Gene

2. Seite: Reaktionen des Gehirns auf Trauma - Amygdala

3. Seite: Erinnerung und Trauma - Hippocampus

4. Seite: Traumatransmission

5. Seite: Negative Emotionen

6. Seite: Zusammenfassung

Seite 3 Erinnerung und Trauma - Hippocampus

Die Einspeicherung des Traumas ins Gedächtnis - Hippocampus

An der Einspeicherung von traumatischen Situationen ins Gedächtnis ist eine weitere Hirnstruktur beteiligt – der Hippocampus. Die, einem kleinen Horn ähnelnde Struktur, verknüpft die Situation und ihre Bestandsteile mit der Emotion Angst. Aktiviert wird der Hippocampus zum einen über direkte neuronale Verbindungen von der Amygdala, zum anderen durch das Stresshormon Kortisol. Welche Rolle der Hippocampus für die Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung spiele, erklärt Rudys Modell der kontextuellen Repräsentation. Nach diesem gibt es zwei verschiedene Wege eine Situation mit einer Emotion zu verknüpfen; ganzheitlich oder fragmentiert.

Nehmen wir als erstes das Beispiel eines Flüchtlings, der Augenzeuge eines Autobombenanschlags wurde. Im Moment des Anschlags nimmt er zahlreiche Dinge wahr, das vorbeifahrende Auto, einen Müllsack der am Straßenrand lag, den Geruch von frischgebackenem Brot in der Bäckerei nebenan und so weiter. All diese Elemente sind Bestandteile des gesamten Kontextes, in dem der Flüchtling sein Trauma erlebt. Wird die Situation ganzheitlich gespeichert, so wie es bei einem normal funktionierenden Hippocampus wahrscheinlich der Fall ist, wird die Angst nur ausgelöst, wenn die gesamte Situation auftritt, das heißt alle Merkmale zusammen - Müllsack am Straßenrand und Brotgeruch und vorbeifahrendes Auto. Bei Menschen mit eingeschränkter Hippocampusfunktion kann es aber sein, dass die Erinnerung fragmentiert gespeichert wird. Dabei wird jedes Element der Situation einzeln mit Furcht verknüpft, also Müllsack mit Angst, Auto mit Angst, Brotgeruch mit Angst. Das führt dazu, dass jedes Element einzeln das Symptom auslösen kann - also schon ein Auto allein, der Brotgeruch allein usw. Es kommt viel öfter zu Angstzuständen und Flashbacks.

Der Hippocampus spielt aber nicht nur eine Rolle bei der Einspeicherung des Traumas. Er ist auch nötig um sich wieder davon zu erholen. Die durch Furchtkonditionierung entstandene Verknüpfung zwischen Situation und Angst wird nicht einfach wieder gekappt. Dazu braucht es eine Überlagerung der traumabesetzten Inhalten mit neutralen oder positiven Bedeutungen. Für Menschen mit einer PTBS ist aber noch mal schwieriger die Kontextmerkale mit neuen Inhalten zu besetzen und zu überschreiben, da sie diese nicht ohne Weiteres konfrontieren können, um die eventuell dadurch ausgelöste Angst zu vermeiden. Bei relativ banalen Alltagsgegenständen wie Brot oder Müllsack - um beim obigen Beispiel zu bleiben - ist aber meistens auch keine echte Kontaktvermeidung möglich. Dies führt zu einem Teufelskreis, indem Traumatisierte meist einem relativ hohen Stresspegel bzw. innerem - wenn auch niedrigschwelligen - Alarmzustand ausgesetzt sind, was wiederum den heilenden Amygdala- und Hippocampusfunktionen im Wege steht. Bei einer erfolgreichen Traumabewältigung bildet das Hirn stattdessen immer mehr neue Verknüpfungen mit den Situationsmerkmalen, zum Beispiel Auto mit Freude über Familienausflug. Je mehr neue Verknüpfungen mit dem Traumainhalt dazu kommen, desto mehr wird die alte Verbindung überlagert. Der Anblick eines Autos löst dann keine Angst mehr aus. Hier kommt wieder der Hippocampus ins Spiel. Er ist nämlich dafür zuständig die kontextuellen Merkmale mit Erinnerungen zu verknüpfen und kann so neue Assoziationen zu den Situationsmerkmalen des Traumas schaffen. 

Es ist also wichtig, dass der Hippocampus gut funktioniert, um das Trauma bewältigen zu können. Ist er geschädigt, können keine neuen Verknüpfungen gebildet werden, die die alten überlagern. Die Angst-Verknüpfung bleibt somit bestehen. Dies ist bei PTBS Patienten tatsächlich häufig der Fall. Wie bereits erwähnt wird in einer Stresssituation wie einem Trauma, Kortisol ausgeschüttet. Das wirkt kurzfristig positiv auf die Gedächtnisbildung, langfristig führt es aber zu Zelltod im Hippocampus. Er ist also in Folge der Belastung durch das Trauma nicht mehr in der Lage genügend Verknüpfungen zu speichern, die die traumatische Erinnerung überlagern.

 

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