Persönlichkeit entwickeln

Therapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung - Beziehungsaspekte und therapeutische Möglichkeiten

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Im Artikel über die histrionische Persönlichkeitsstörung haben wir bereits über allgemeine Krankheitsmerkmale, Klassifikationen, Ursachen sowie Therapieansätze geschrieben. Im gegenwärtigen Artikel beschäftigen wir uns genauer mit der Beziehungsfähigkeit und der Therapie von histrionischen Personen. Die einseitige Forderung nach Bedürfnisbefriedigung belastet Ihre Beziehung? Mithilfe von Impulsdialog können Betroffene und Angehörige ihre sozialen Kompetenzen ausbauen und somit den überzogenen Aufmerksamkeitsbemühungen bewusst entgegenwirken.

1. Seite: Überblick histrionische Persönlichkeitsstörung

2. Seite: Behandlung

3. Seite: Zusammenfassung

 

 

Die histrionische Persönlichkeitsstörung, früher auch Hysterie genannt, galt lange Zeit als neurotische Störung mit typischer Persönlichkeitsstruktur. Betroffene Personen sind stark ichbezogen, geltungsbedürftig, kindlich und unreif. In westlichen Nationen treten solche Symptome nur noch selten auf, häufiger kommen sie in Indien oder Osteuropa vor. Doch auch in westlichen Ländern sind etwa 2-3% der Bevölkerung betroffen, dabei leiden etwa gleich viele Frauen wie Männer unter dieser Krankheit. Allerdings fallen bestimmte Verhaltensweisen bei Frauen häufiger auf: einige schminken sich sehr stark, bei anderen wirkt verführerisch provokatives Verhalten eher aufgesetzt. Männern mit solchem Verhalten wird eher Nachsicht entgegengebracht.

Historie


Bis heute zählen narzisstische, egozentrische und geltungsbedürftige Einstellungen zum klassischen Bild der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Im diesem Sinne neigen Betroffene dazu, ein enormes Bedürfnis nach Bewunderung zu haben und damit nach immerwährender Aufmerksamkeit und Anerkennung zu buhlen. Steht die Person nicht im Mittelpunkt des Geschehens, kann das gravierende Folgen für den Selbstwert haben.

Beziehungen


Durch mangelnde emotionale Tiefe in jeglichen Beziehungen kommt es immer wieder zu zwischenmenschlichen Problemen mit Histrionikern. Sie neigen aber auch dazu, Probleme mit Mitmenschen zu verdrängen, einige sind sogar dazu in der Lage Konflikte vollständig vom Bewusstsein abzuspalten. Hintergründe und Ursachen von Problemen können nur selten nachvollzogen und anerkannt werden. Daher ist eine Behandlung tendenziell eher schwierig (siehe Behandlung). Zur problembehafteten Beziehung mit Betroffenen kommt es auch durch die Tendenz zu extremen Rollen wie dem ‚Opfer‘ oder der ‚Prinzessin‘. Dazu gesellen sich emotionale Manipulationen und Dramatisierungen.

Freundschaften und Partnerschaften sind stark geprägt durch überzogene Aufmerksamkeitsbemühungen. Können diese nicht mehr erbracht werden, sind Betroffene gekränkt, deprimiert, aber auch reizbar, wütend oder sogar aggressiv. Neue Freundschaften und Beziehungen gehen histrionische Persönlichkeiten mit viel Begeisterung an, doch auch dieses Interesse ist schnell vergangen, wenn der Alltag eintritt. Schnell werden sie wieder vernachlässigt um Platz für neue Lebensbegleiter zu schaffen. Die eigene Befriedigung der Bedürfnisse steht im Mittelpunkt, nicht die einer anderen Person. In sexueller Hinsicht sind Histrioniker deshalb kaum in der Lage Wünsche vom Partner zu integrieren, sodass auch der jeweils andere Befriedigung erfährt. Sexualbeziehungen und Befriedigung sind daher nur selten für Betroffene umsetzbar. Personen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung neigen zu starken Ängsten vor Hingabe und Liebesverlust, was feste Beziehungen und Partnerschaften zusätzlich erschwert. Eine Hin- und Hergerissenheit zwischen dem starken Bedürfnis nach Nähe und der ständigen Angst vor Trennung und Verlust zeichnen das Leben eines Histrionikers.

Von außen und aus Entfernung betrachtet wirken Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung extravertiert, beliebt, charmant, attraktiv. Versucht man eine tiefere Konversation und beschäftigt sich länger mit ihnen, entsteht eher das Bild einer unechten oder sogar emotionslosen Person, die sich leicht beeinflussen lässt.

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Ausschlaggebend für eine Therapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung oder derer Behandlung ist nicht selten eine kombinierte bzw. komorbide Störung, wie eine Depression, eine Angststörung oder eine andere Persönlichkeitsstörung. Häufig werden zu Beginn auf Grund von selbstverletzendem Verhalten oder von suizidalen Handlungen Borderline-Persönlichkeitsstöungen diagnostiziert. Im Gegensatz zu dieser werden die Verhaltensweisen aber gezeigt um Aufmerksamkeit zu erhalten, nicht um sich tatsächlich Schmerzen zuzufügen. Die Verhaltensweisen von Histrionikern sind zudem eher kurzweilig und sprunghaft. Die therapeutische Beziehung wird zudem durch Schmeicheleien und Geschenke des Betroffenen auf die Probe gestellt. Möglich sind auch übertrieben dramatische Beschreibungen der seelischen oder körperlichen Schmerzen. Ausgedachte Geschichten und Lügen kommen im Leben eines Histrionikers ebenfalls nicht selten vor. Ein wichtiger Faktor, der vom Therapeuten beachtet werden muss, ist die Bindungsnähe: histrionischer Personen neigen dazu, sehr schnell für sie intensive Beziehungen aufzubauen, haben andererseits aber große Angst vor Trennung und Verlust.

Verschiedene Schulen der Psychologie verweisen auf unterschiedliche Ursprünge der Störung:

  • Die Psychoanalyse geht davon aus, dass die histrionischer Persönlichkeitsstörung auf einer einseitigen Fixierung des gegengeschlechtlichen Elternteils beruht. Mit diesem Elternteil werden entsprechend dem von Sigmund Freud beschriebenen Ödipuskomplex Fantasien der sexuellen Verführung in Zusammenhang gebracht.
  • Im kognitiven Modell geht man davon aus, dass Histrioniker unfähig sind, ihr Leben zu bewältigen. Sie begegnen dieser Unfähigkeit aber mit einem starken Willen dagegen anzukämpfen. Häufig funktioniert das unter dem Aufwand, dass andere sich deswegen um die betroffene Person kümmern müssen - sie sollen und wollen bemerkt und gemocht werden. Fehlt die Aufmerksamkeit, kann es zu Überreaktionen oder Niedergeschlagenheit kommen.
  • Aus der verhaltenstherapeutischen Sicht entsteht eine Histrionische Persönlichkeitsstörung aus fehlender oder frustrierender Liebe und Beachtung der Eltern. Das Kind wurde dazu genötigt sich die Liebe und Anerkennung der Eltern zu erkämpfen und sich selbst zu besorgen, was es benötigte. Dadurch kam es nicht selten zu noch weniger Beachtung und Fürsorge der Eltern. Die Furcht vor dem Verlust von Liebe und das verletzte Vertrauen entwickelten sich zu einer späteren Angst vor Hingabe, der nur durch aktive Suche nach Aufmerksamkeit begegnet werden konnte. In diese steigern sich Betroffene im Erwachsenenalter immer mehr hinein, indem sie noch unechter, noch künstlicher wirken wollen, denn nur so, sind sie der Meinung, können sie Aufmerksamkeit bekommen.
  • Eine weitere Annahme geht davon aus, dass sich die histrionische Persönlichkeitsstörung aus der Furcht davor entwickelt, ignoriert zu werden. Dazu gesellt sich der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit einer anderen Person. Das Zusammenspiel von Freundlichkeit auf der einen Seite und Zwang des Geliebtwerdens auf der anderen Seite führen zu verführerischem und manipulativem Verhalten, welches andere dazu nötigt Zuneigung und Verständnis für den Betroffenen zu empfinden oder zumindest zu beteuern.

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Die Art der Behandlung richtet sich auch immer nach der therapeutischen Richtung, die eingeschlagen wird. Sind es nur einfach Persönlichkeitszüge, kann schon eine Hypnose hilfreich sein, sollte aber eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen, eignen sich verschiedene Behandlungsmethoden nur für bestimmte Patientengruppen. Grundlegend sollte immer beachtet werden, dass bei den Patienten ein impulsives Verhalten vorliegt. Für dieses sollten Alternativen gefunden werden, um den Alltag adäquat meistern zu können. Beispielsweise können Entspannungs- oder Achtsamkeitsübungen hilfreich sein. Auch Selbstbeobachtung und das vertreten der eigenen Meinung und der eigenen Werte muss von Histrionikern erlernt werden. Emotionswahrnehmung und -kontrolle gehören ebenso zu den Werkzeugen, die Betroffenen mitgegeben werden können, wie das aktive Wahrnehmen und umstrukturieren der Gedanken. Der Einsatz von Psychopharmaka ist bei der Therapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung nicht das Mittel der Wahl, zumal Wirksamkeitsstudien bislang unzureichend sind.


Autor: Sylvia Kraus (Impulsdialog)

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