Persönlichkeit entwickeln

Somatoforme Störungen - der Kampf mit den nicht vorhandenen Schmerzen

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Komorbidität

Da eine somatoforme Störung von vielen psychischen Symptomen begleitet wird, ist es nahe liegend, eine Überschneidung zu anderen psychischen Erkrankungen zu sehen. Hierbei machen vor allem die depressiven Erkrankungen einen großen Anteil aus. Aber auch Persönlichkeits- und Angststörungen kommen häufig gemeinsam mit somatoformen Störungen vor. Im Mittel haben etwa 2/3 der Patienten neben einer somatoformen Störung auch eine andere psychische Störung.

Arzt-Patient-Beziehung

Viele Patienten mit einer somatoformen Störung streiten den Zusammenhang von offensichtlichen Problemen in der momentanen oder einer schon vergangenen Lebenssituation und den bestehenden Symptomen ab. Somit lehnen sie auch eine Verbindung der körperlichen Beschwerden mit einer psychischen Ursache ab. Dieses fehlende Eingeständnis ist weder für den Patienten, noch für den behandelnden Arzt zufrieden stellend und führt oftmals zu einem Arztwechsel. In nicht wenigen Fällen neigen Patienten mit somatoformer Störung, insbesondere die mit hypochondrischer Störung, zum so genannten „Doctor shopping“ (auch „Doctor hopping“), einem mehrfachen Wechsel des Arztes, bis eine den Patienten zufrieden stellende Diagnose gestellt wird oder der Patient Einsicht zeigt. Diese Einsicht zeigen die meisten Betroffenen allerdings nur, wenn sie ein gutes Verhältnis zum behandelnden Arzt haben, in den meisten Fällen ist das der Hausarzt.

Therapie

Wie für die meisten psychischen Krankheiten gibt es auch für die somatoformen Störungen sowohl pharmakologische also auch psychologische Therapieansätze. Der Schwerpunkt soll allerdings an dieser Stelle auf die psychologischen Verfahren gelegt werden, da mehr gesicherte Befunde vorliegen. Grundlage hierfür ist allerdings eine gute Therapeut-Patient-Beziehung.

Es ist von besonderer Wichtigkeit, die Therapie mit viel Einfühlungsvermögen durchzuführen. Der Patient muss schrittweise zur Einsicht gelangen, seine Beschwerden auf psychischer und nicht auf rein körperlicher Ebene zu betrachten. Diese Einsicht ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Allerdings erklären sich nur wenige Patienten bereit, eine Behandlung durchzuführen, vor allem nach einer Chronifizierung der Beschwerden. Gerade um eine diese zu vermeiden, sollte eine Therapie möglichst früh beginnen, um weitere Folgen, sowohl im körperlichen als auch im sozialen Sinne, zu vermeiden. Psychologische Therapien können symptomorientert sein, aber auch konfliktorientiert. In den meisten Fällen werden diese durch Entspannungsverfahren oder andere körperliche Übungsbehandlungen, wie Physiotherapie, erweitert.

Eine Behandlung kann in verhaltenstherapeutischer oder psychodynamischer Weise erfolgen. Verhaltenstherapeuten führen dabei eine Kognitionsveränderung durch. Die Gedanken des Patienten sollen sich langsam weg von den körperlichen und hin zu den seelischen Beschwerden bewegen. Zudem wird die Fokussierung auf körperliche Veränderungen therapiert. Die Patienten sollen lernen, für seelische Probleme Lösungen zu entwickeln und das vorher gezeigte Vermeidungsverhalten abzulegen. Psychodynamische Therapien beziehen sich eher auf die zentralen Konflikte des Patienten und versuchen daraus das gestörte Selbsterleben abzuleiten. Allerdings ist fraglich, ob die psychodynamischen Therapien besonders Erfolg versprechend sind, da sie sich kaum mit den im Vordergrund stehenden körperlichen Symptomen beschäftigen. Für die anhaltende somatoforme Schmerzstörung liegen allerdings gute Befunde zur Wirksamkeit von psychodynamischen Therapien vor. Da für diese spezielle Unterform angenommen wird, das verschiedene negative Sozialisations- und Lernerfahrungen (Gewalt, elterlicher Alkoholismus, Scheidung der Eltern) Auslöser sind, sollen die Patienten auf die Erlebnisse in Kindheit und Jugend eingehen und unbewusste Ereignisse bewältigen und somit sollen auch momentane Probleme des Patienten besser verarbeitet werden.

Pharmakologisch gesehen können trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob diese auch bei keiner vorliegenden depressiven Symptomatik gegeben werden sollten, zudem liegen nur wenig gesicherte Befunde vor. Sollte eine Angststörung vorliegen, kann man über einen kurzfristigen Einsatz von Benzodiazepinen nachdenken. Von Analgetika (Schmerzmitteln) ist gänzlich abzusehen, ebenso von invasiven Maßnahmen.

Autor: Sylvia Kraus (Impulsdialog)



Quellen:

Möller, H.-J., Laux, G., & Deister, A. (2009). Psychiatrie und Psychotherapie (4. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Duale Reihe. Stuttgart: Thieme.

Dilling, H., Mombour, W. H. & Schmidt, M. H. (Hrsg.). (2010). Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10 Kapitel V(F)): Klinisch-diagnostische Leitlinien (7. überarb. Auflage). Bern: Huber Verlag.

Michel, T.M., Schneider, F. & Jecel, J. (2008). Somatoforme Störungen. In Schneider F. & Niebling W. (Hrsg.) Psychische Erkrankungen in der Hausarztpraxis. Heidelberg: Springer.

Henningsen, P., Hartkamp, N., Loew, T., Sack, M., Scheidt, C.E., Rudolf, G., (2002). Anhaltende Somatoforme Schmerzstörung. In Somatoforme Störungen: Leitlinien und Quellentexte. Stuttgart: Schattauer.

Kapfhammer, H.P. (2008). Somatoforme Störungen. Konzept, Klinik, Ätiopathogenese und Therapie. Nervenarzt, 1(8), 99-117.

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