Persönlichkeit entwickeln

Hoffnung - Handlungsleitend oder irreführend?

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 Die resignative Reife als funktionale Alternative?

Arnold Retzer benannte die resignative Reife als Alternative zur dauerhaften Aufrechterhaltung von Hoffnungen. Was meinte er mit diesem Begriff? Mit einer resignativen Reife bezeichnet Retzer das Bewusstwerden über die Vergeblichkeit derjenigen Hoffnungen, die schon viele Male ins Leere gelaufen sind, sowie Akzeptanz dieser Vergeblichkeit. Indem die dauerhaft unerfüllbare Hoffnung beiseite gelegt wird, werden wiederum neue Perspektiven sichtbar. Um auf unser Beispiel des Bewerbers zurückzugreifen: Indem er sich von seiner bevorzugten Arbeitsstelle löst, sieht er weitere gute Alternativen, z.B. inhaltlich oder strukturell anders ausgerichtete Arbeitsplätze, und hat dadurch neue, wenn auch natürlich andere Möglichkeiten. Das verhindert ein Einfahren auf Perspektiven, die dauerhaft unglücklich machen, weil sie schlichtweg unmöglich sind.

Das Scheitern einer Hoffnung ist damit erlaubt und gibt dem Menschen eine neue Freiheit: die Freiheit, nicht alles, was er sich wünscht, erreichen zu müssen, nicht zielführende Wege austesten zu dürfen und über deren Nicht-Erreichen trauern zu dürfen, anstatt verkrampft sich weiter nach dem Unmöglichen auszurichten. Sich diesen Prozess zu erlauben, erfordert eine gewisse Reife, die das Nicht-Erreichen eines Ziels und das Abfinden mit Altem sowie Orientierung hin zu anderen Perspektiven erlaubt. Eine Verschmähung des Gegenwärtigen durch eine Fokussierung auf das erhoffte in der Zukunft Liegende erschwert ohnehin ein Leben in der Gegenwart und macht daher kaum glücklich. Diese Blickweise auf neue Möglichkeiten und der Abschluss von nicht durchführbaren Wegen unterbindet zudem Passivität, d.h. ein passives Warten auf das erhoffte Ereignis, während neue und andere Möglichkeiten unbeachtet vorbeiziehen.

Hoffen oder nicht hoffen?

Ein Plädoyer gegen die Hoffnung ist unnütz und ebenso schädlich wie eine Überhöhung jener. Dies zeigen sowohl die auf Sinnhaftigkeit und Nutzen ausgerichteten Perspektiven der Hoffnung wie auch die Möglichkeiten, die mit einer resignativen Reife einhergehen. Das gesunde Maß einer hoffnungsbezogenen Motivation trägt zu einem balancierten Leben bei wie auch eine reife Resignation, wenn ein Weg nicht zum erhofften Ziel führt. Es gilt zum individuell angemessenen Zeitpunkt die bessere Alternative zu wählen und sich dabei bewusst zu machen, dass weder Hoffnung noch Resignation dauerhaft sein müssen, wenn sich die Umstände substantiell und gegenläufig verändern.


Autor: Miriam Jähne (Impulsdialog)

Quellen:

Bildungsservice AK-Vorarlberg (2013). Das Recht auf miese Stimmung. Arnold Retzer im Gespräch mit Dr. Franz Josef Köb. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=jdm4o7-WJOU&list=PL082E92815EC1E98B

Der Weiterdenker (2010). Hoffnung – eine psychologische Einführung. https://derweiterdenker.wordpress.com/2010/08/29/hoffnung-eine-psychologische-einfuhrung/

Hemann, H. (2001). Eine psychologische Konzeption der Hoffnung mittels sprachphilosophischer Fundierung und Methodik. Marburg: Tectum Verlag.

Huppmann, G. & Lipps, B. (Hrsg.) (2006). Prolegomena einer medizinischen Psychologie der Hoffnung. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH

Retzer, A. (17.08.2015). Die Hoffnung muss sterben. Arnold Retzer im Gespräch mit Nana Brink auf Deutschlandradio Kultur. Verfügbar unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/lebensqualitaet-die-hoffnung-muss-sterben.1008.de.html?dram%3Aarticle_id=328481


Anmerkung des Autors:
Das der leichteren Lesbarkeit halber ggf. verwendete generische Maskulinum schließt sämtliche sexuelle Identitäten ein und soll insofern nicht als Form sozialer Diskriminierung missverstanden werden.

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