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Persönlichkeitsstörung Teil 6: Histrionische Persönlichkeitsstörung

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Auf einen Blick:

1. Seite: Überblick Histrionische Persönlichkeitsstörung

2. Seite: Klassifikation

3. Seite: Formen, Häufigkeit und Therapie

4. Seite: Zusammenfassung

Seite 3 - Formen, Häufigkeit und Therapie

Übergänge von der „histrionischen Normalität“ zur Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einem histrionischen Persönlichkeitsstil (einer weniger starken Ausprägung der Persönlichkeitszüge und noch nicht als pathologisch anzusehen) neigen dazu, sich besonders ausdrucksvoll selbst darzustellen. Dies bewirkt durchaus bei dem Gegenüber Interesse, Sympathie und Bewunderung. Histrionische Persönlichkeitsstile sind oft liebenswürdig und sehr gesellig. Sie haben ein gutes Gespür für Atmosphäre aber neigen oft auch zu Unbeständigkeit. Diese Personen lassen sich stärker durch ihre Intuition und Gefühle leiten als durch analytisches oder zielgerichtetes Denken. Sie arbeiten häufig in Berufen, in denen Selbstdarstellung eine große Rolle spielt und auch durchaus Erfolgsversprechen ist, so zum Beispiel als Schauspieler.
Bei histrionischen Zügen ziehen die Personen häufig durch ihre lebhafte, enthusiastische und offene Art alle Aufmerksamkeit auf sich. Dieses erste Bezaubertsein vergeht bei einer Störung jedoch meist schnell, da die Person ständig im Mittelpunkt stehen will/muss und sogar zu dramatischen Mitteln, wie erfundenen Geschichten oder theatralischen Szenen greift, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Aufgrund ihrer Eitelkeit und Selbstbezogenheit reagieren histrionische Personen sehr empfindlich auf Ereignisse, die auch nur in geringstem Maße die Aufmerksamkeit von ihnen ablenken. Selbst Suizidversuche werden nicht selten eingesetzt, um ihre Mitmenschen zu manipulieren.



Wie häufig kommt eine histrionische Persönlichkeitsstörung vor?

Nach aktuellen Studien leiden etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung an einer histrionischen Persönlichkeitsstörung. Männer und Frauen sind vermutlich gleich häufig betroffen. Häufig ist eine Komorbidität zu betrachten, das heißt, in vielen Fällen besteht gleichzeitig eine Depression oder eine Angststörung. Außerdem kommt die Störung häufig zusammen mit einer narzisstischen oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung vor.
Hilfe wird von Betroffenen deshalb auch im Allgemeinen nicht wegen der Persönlichkeitsstörung, sondern wegen einer Depression oder einer dissoziativen Störung (sind auch als Konversionsstörung bezeichnet) aufgesucht. Hierbei können die Beschwerden ähnlich zu Organbeschwerden sein, die bis zur Blindheit oder Lähmungen reichen. Da die Beschwerden subjektiver Natur sind, kann es zu Fehldiagnosen kommen.

 

 

Was sind mögliche Ursachen?

Auch bei dieser Persönlichkeitsstörung geht man von einem Zusammenwirken von biologischen-, psychologischen- und Umweltfaktoren aus.
Aus psychoanalytischer Sicht war wahrscheinlich in der Kindheit die Beziehung zu den Eltern gestört. Die Eltern können sich dabei sehr kalt und kontrollierend verhalten haben, wodurch sich die Betroffenen nicht geliebt gefühlt haben. Daraus können ständige Ängste, verlassen zu werden, entstanden seien. In der Folge entwickelt sich eine ausgeprägte Selbstwertproblematik. Die Personen verhalten sich nun übertrieben emotional oder führen bewusst Krisen herbei, weil dies ihre einzige Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit oder Unterstützung zu erhalten.
Aus Sicht der kognitiven Verhaltenstherapie könnten das übertrieben emotionale Verhalten und die ständige Beschäftigung mit sich selbst dazu führen, dass weniger Platz für objektives Faktenwissen oder genaue Erinnerungen bleibt. Dies könnten die vage, wenig detaillierte Denk- und Sprechweise und die starke Beeinflussbarkeit erklären. Außerdem haben die Betroffenen vermutlich ungünstige oder dysfunktionale Überzeugungen, zum Beispiel, dass sie unfähig sind, für sich selbst zu sorgen. Dadurch haben sie das Gefühl, ständig andere zu brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.



Psychotherapeutische Ansätze

Im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen kommen die Betroffenen häufig aus eigenem Antrieb in eine Therapie. Dabei suchen sie aber meist wegen anderer Probleme Hilfe, vor allem wegen Depressionen, psychosomatischen Beschwerden oder dissoziativen Symptomen (bei denen jemand sich selbst oder seine Umgebung als unwirklich erlebt).
Wichtige Ziele in der Therapie sind, dass die Patienten ein stabileres Selbstbild entwickeln, mehr Selbstkontrolle und Selbstsicherheit bekommen und stabilere zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen können. Außerdem sollen sie lernen, ihre emotionale Sprunghaftigkeit zu verringern, auch Alleinsein und Langeweile auszuhalten und sich über langfristige Ziele im Leben Gedanken zu machen.

 

Häufige Probleme in der Behandlung

Histrionische Persönlichkeitsstörungen sind oft schwer zu behandeln, weil die Betroffenen ihr Verhalten oft nicht als problematisch ansehen, womit oftmals die nötige Einsicht fehlt. Zudem können sie viele Muster auch nur schwer und langsam verändern, was zu Frustration führen kann. Dies ist vor allem in Hinblick auf teils überhöhte Ansprüche der Patienten zu sehen. Teilweise werden Probleme dramatisiert, es besteht eine Neigung zu unvermittelten Gefühlsausbrüchen oder nur oberflächlichen Veränderungen, um dem Therapeuten beispielsweise zu gefallen. Betroffene können manipulierend auf ihren Therapeuten einwirken und somit die Behandlung in eine falsche Richtung lenken. Auch appellative Suizidankündigungen und/oder parasuizidale Handlungen werden durchaus manipulativ genutzt.
Wichtig ist, behutsam an den psychischen Hintergründen der vielfältigen Probleme bewusst gemeinsam zu arbeiten. Wegen des manipulativen Verhaltens (zum Beispiel Dramatisierung der eigenen Probleme, um einen bestimmten Zweck zu erreichen) sollte der Therapeut klare Regeln aufstellen und Grenzen setzen. Auch ein strukturiertes Vorgehen, das den Patienten Orientierung gibt, wird als sinnvoll angesehen. Insgesamt ist es eine Gratwanderung für den Therapeuten. In der Therapie kann leicht ein Dilemma entstehen: Gibt der Therapeut zu viel Hilfestellungen oder nimmt dem Patienten Entscheidungen ab, fördert er indirekt das Bedürfnis nach ständiger Aufmerksamkeit und Unterstützung. Ist er dagegen mit den Hilfestellungen zu zurückhaltend, kann dies zum Abbruch der Therapie führen.



Es gilt einen Mittelweg zu finden, bei dem sowohl das Bedürfnis nach Unterstützung und Bindung, als auch das Bedürfnis nach Selbstkontrolle und Autonomie unterstützt wird.

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