Persönlichkeit entwickeln

Dissoziation – das gespaltene Selbst

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Auf einen Blick:

1. Seite: Überblick Dissoziation

2. Seite: Überblick Dissoziation

3. Seite: Ursachen für Dissoziation

4. Seite: Therapie Dissoziation

5. Seite: Zusammenfassung

Seite 4 - Therapie Dissoziation

Es wird davon ausgegangen, dass insbesondere bei lang anhaltenden und schweren Traumata in der Kindheit bevorzugt dauerhaft Dissoziative Störungen auftreten, wenn der Körper anschließend an die starke Stressreaktion den Mechanismus des Herunterfahrens zeigt und dabei oder kurz danach dissoziative Symptome auftreten. Problematisch an diesem Experiment ist allerdings, dass keine Personen mit reinen Dissoziativen Störungen teilgenommen haben, sondern nur solche mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und begleitenden dissoziativen Symptomen.



Schematische Darstellung der erweiterten defensiven Kaskade. (nach Schauer & Elbert, 2010)

Der obig dargestellte Prozess erklärte bislang die Bedingungen, unter denen Dissoziationen entstehen. Die Annahme, Dissoziationen seien Störungen der Informationsverarbeitung, kann darauf aufbauend erklärt werden. Wenn nun aufgrund eines emotional sehr belastenden Ereignisses der Erschlaffungszustand eintritt, dann wird die Situation als unkontrollierbar erlebt. Unkontrollierbare Informationen aus der Umwelt und unkontrollierbare Gefühle der Hilflosigkeit entstehen. Diese Menge an Informationen kann nicht mehr verarbeitet werden, sodass die wahrgenommenen Umweltreize und Emotionen nicht mehr integriert abgespeichert werden können. Manche Informationen werden nicht oder nicht mehr bewusst abgespeichert und sind dadurch später nicht mehr zugänglich. Dadurch erscheinen diese Informationen abgespalten. Das kann dazu führen, dass es zu Gedächtnisverlusten kommt. Es kann auch dazu führen, dass Personen in späteren Situationen, die sie an das Trauma erinnern, wieder mit Dissoziation reagieren.

Diese Reaktion mit dissoziativen Symptomen liegt darin begründet, dass Dissoziation ihnen das Leben gerettet zu haben scheint. Schließlich haben sie die unkontrollierbare Situation mit gleichzeitiger oder nachfolgender Dissoziation überlebt. Nun werden neue, im späteren Leben ansatzweise traumatisch wirkende Ereignisse wiederum mit Dissoziation überlebt. Zudem steht bei frühkindlichen Traumata ein wichtiger Teil der Gehirnentwicklung noch bevor. Man kann davon ausgehen, dass Traumata das Gehirn des Kindes in seiner Entwicklung nachhaltig beeinflussen kann. Die im späteren Leben weiterhin gezeigten dissoziativen Symptome können sich dabei auch symbolisch mit Bezug zum Trauma äußern: Lähmung in den Beinen, da ein Davonlaufen nicht möglich war. Verlust des Augenlichts, da das Trauma so schrecklich anzusehen war.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die bisherigen Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Dissoziation eine Überlebensstrategie ist. Überleben bezieht sich hierbei sowohl auf objektiv schwere Traumata als auch auf subjektiv schwere, hauptsächlich emotional gefärbte Traumata. Das Erleben absoluter Unkontrollierbarkeit führt zu einem Erschlaffen des Körpers und zu einer zerteilten Abspeicherung von Informationen aus der Umwelt und Emotionen im menschlichen Gehirn. Diese Informationen mit Blick auf die traumatischen Ursachen zu vereinen soll Ziel einer Psychotherapie sein.

 

Therapie Dissoziativer Störungen

Wie oben bereits beschreiben führen Dissoziationen zu fehlender Einordnung in Raum und Zeit, ins Hier und Jetzt. In der Therapie bedeutet dies natürlich ein Hindernis, da nur ein Patient, der sich im Hier und Jetzt wahrnimmt, auch im Hier und Jetzt in der Therapie arbeiten kann. Insbesondere, wenn die Dissoziation mit Trauma bezogenen Gedanken, Körperempfindungen etc. einhergeht, erlebt der Patient erneut Hilflosigkeit und sieht sich der Gefahr einer möglichen Retraumatisierung gegenüber: Denn das traumatische Ereignis kann dabei so stark wiedererlebt werden, dass es als reales (neues) Trauma wahrgenommen wird.

Um eine gemeinsame therapeutische Zusammenarbeit zu ermöglichen und gleichzeitig den Patienten vor möglichen Retraumatisierungen zu schützen, muss ein gemeinsamer und positiver Gegenwartsbezug hergestellt werden. Dies ermöglicht es dem Patienten zunehmend, eine distanziertere Betrachtung auf das Trauma zu gewinnen und über das Trauma als vergangenes Erlebnis reflektieren zu können. Im nächsten Schritt ist es dann möglich, das traumatische Geschehen in die eigene Vergangenheitsgeschichte korrekt einzuordnen. Nur so wird es gelingen, die Ängste und Hilflosigkeitserlebnisse korrekt in die Vergangenheit einzuordnen. Dadurch wird diesen unangenehmen Gefühlen der Bezug zur Gegenwart entzogen.

Mit Rückblick auf die Vielgestaltigkeit, in der sich Dissoziationen zeigen können, wird deutlich, dass die Behandlungsmethoden sowohl an die Dissoziationsart (d.h. diejenigen von Dissoziationen betroffenen psychischen und körperlichen Funktionen) als auch an den Patienten angepasst werden muss. Relevant hierbei sind neben der Dissoziationsart auch die Intensität der Dissoziation und die vom Klienten wahrgenommene Kontrollierbarkeit der Dissoziation.

Grundsätzlich können allerdings die folgenden Therapieziele zur Behandlung dissoziativen Erlebens festgehalten werden:

• Erhöhung des Kontrollerlebens
• Erstellung zusätzlicher Gedanken und Wahrnehmungsverarbeitungen
• Verringerung von Angst und Hilflosigkeit
• Besserung der Selbstwahrnehmung
• Verbesserung der Beziehungsfähigkeit
• Vorbereitung der Bereitschaft zur Integration Dissoziation auslösender Erinnerungen

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