Persönlichkeit entwickeln

Wir denken nicht, wir googlen!

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Digitale Helfer, das Smartphone oder der Laptop, ermöglichen uns den Zugang zu unbegrenztem Wissen. Statt jemanden zu fragen, geben wir unsere Bedürfnisse schnell bei Google ein. „Siri, was meinst du dazu?“ Führen technische Hilfsmittel dazu, dass wir uns das Denken abgewöhnen?

Vor der Zeit des Handys musste man sich vollständige Telefonnummern merken. Vor dem Navigationsgerät war es selbstverständlich, Karten zu lesen. Vor Google war das Benutzen eines Dudens selbstverständlich. Vor dem Ipod mussten wir Schallplatten verwenden, Musik auf Kassetten aufnehmen oder Radio hören. Generationen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, wissen häufig nicht mehr, was eine Diskette ist.
Technische Geräte beeinflussen mittlerweile nahezu alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens. Viele Medien wie Bücher und Musik, Bilder und Videos werden digitalisiert. Wissen wird auf externe Datenträger ausgelagert und schafft Platz in unserem Kopf für Neues. Zitate lernen wir nicht mehr auswendig, sondern sammeln und kategorisieren wir in einer Word Datei. Adressen und Nummern versuchen wir uns gar nicht mehr zu merken. Selbst an Geburtstage erinnert uns der Terminkalender auf dem Handy oder auch gerne mal Facebook. Viele Dinge, die früher noch zeitaufwendig waren und v.a. zu gewissem Maße eine Denkleistung erforderten, werden uns heute abgenommen. Zukünftige Generationen wachsen mit dem digitalen Raum auf. Verlieren bzw. verlernen diese Kompetenzen, die im prädigitalen Zeitalter wichtig waren? Entstehen dadurch Nachteile oder populistisch formuliert: Verblöden unsere Kinder?
Derartige kulturpessimistische Themen verkaufen sich in literarischer Form überraschend gut. Ratgeber, wie man sich in unserer Spätmoderne zurecht findet, wie man unter vielen Optionen die Richtige auswählt und wie man durch Willenskraft seinen eigenen Weg zum Erfolg gestalten kann, fluten aktuelle Bestseller-Listen.

Eher gesellschaftliche Probleme namens Digitalisierung des Alltags und Abflachung der Kultur werden dadurch auf das Individuum abgewälzt. Selbst ist der Mann. Selbst ist die Frau. Selbst ist das Kind. Unser Schicksal liegt in unserer Hand, also müssen wir unser Verhalten regulieren. Strategien um uns zu disziplinieren sind bewusster Verzicht, Gehirnjogging oder der Boykott von z.B. Fastfood oder Fleisch.
Interessant wird das vor allem bei digitalem Konsum. Wo ist die Grenze zwischen zu viel digitalen Medien und zu wenig? Gefangen zwischen Up-to-Date und Touch-too-much? Brauchen wir die neue Smart-Watch, die am Handgelenk das gleiche anzeigt, wie das Smartphone in der Tasche? Nachfolgende Genrationen kennen keine Welt ohne das Internet und seinen technischen Gadgets. Oft wird ein bewusster Umgang mit diesen Medien nicht vermittelt.

Gerne wird von Internet-Kritikern (die häufig aus der prädigitalen Zeit stammen) der Mythos verbreitet, dass übermäßige Nutzung des Internets führe zu einem Abbau von Gedächtnisleistung - oder kurz: Wir verblöden dank digitaler Medien. Die aktuelle Forschung wehrt sich dagegen. Zunächst einmal wirkt sich jede Aktivität auf unser Hirn aus: Bei neuen Aktivitäten werden Verbindungen zwischen Nervenzellen geknüpft, geschaffen und verändert. Diese Veränderungen passieren jedoch auf kleinstem Raum, sodass die Auswirkungen nur schwer einzuschätzen, geschweige denn zu beurteilen sind. Gerade der Einfluss von digitalen Medien, als relativ neue Form der Technik, lässt sich in seiner Langzeitwirkung nicht beurteilen.
Vielleicht stellt sich unser Gehirn auf eine völlig neue Art Konsum ein. Jedenfalls gibt es keinerlei Evidenz dafür, dass die Nutzung digitaler Medien zu negativen Veränderungen in unserem Hirn führt. Prof. Dr. Thier von der Universität Tübingen äußerte sich zu dem Thema in einem Interview mit die Welt: „Zu glauben, wir könnten aus einzelnen Erkenntnissen bereits die Wirkung digitaler Medien auf das komplexe System Gehirn ableiten, ist schlicht naiver Reduktionismus.“
Quelle: Die Welt; 02.01.13

Es gibt Erkenntnisse darüber, wie sich die Nutzung des Internets auf das Verhalten von Kindern oder gehobenen Altersklassen im Zusammenhang mit dem Lernen auswirkt. Sie zeigen, dass die Nutzung des Internets nicht immer förderlich ist. Viele Eltern klagen darüber, dass ihre Kinder viel Zeit vor dem Computer verbringen, um Spiele zu spielen. Das liegt daran, dass sich Areale unseres Gehirns, die wir nutzen um langfristige Ziele zu verfolgen, erst in späteren Lebensabschnitten ausprägen. Kinder sind eher auf sofortige Belohnung aus und genau dieses Bedürfnis befriedigen Videospiele. Der punctum saliens ist jedoch, wie wir dieses Wissen nutzen. Zum Beispiel lernen Kinder lieber am Rechner und in spielerischer Form, als mit einem Zettel und einem Stift. Man kann dadurch die Begeisterung der Kinder nutzen, damit diese sich intensiver und länger mit vermeintlich trockenen Themen auseinandersetzen. Konditionelle Lehrmethoden gehen im Gegensatz dazu weniger auf die Bedürfnisse des Kindes ein und sind eher frontal ausgerichtet. Hirnforscher konnten zeigen, dass sowohl das Lernen am PC als auch traditionelle Methoden die gleichen Hirnareale beanspruchen. Die Nutzung digitaler Medien führt nicht zwangsläufig zur Verblödung, sondern die Art und Weise, wie wir und vor allem die folgenden Generationen mit ihnen umgehenm, ist entscheidend.

Dennoch müssen Kinder beim Umgang mit dem Internet geschützt werden. Einer der größten Vorteile des Internets ist gleichzeitig sein größter Nachteil. Wissen ist in jeder Farbe und Form abrufbar. Kinder (und auch einige Eltern) sind noch nicht in der Lage zu reflektieren, welches Wissen sinnvoll und nützlich ist. Sie können das Internet in der Regel noch nicht gezielt nutzen und verlieren sich gerne in dessen Weiten. Besonders bei jungen Kindern können durch übermäßige Nutzung Schlafstörungen, schlechtere Schulleistungen und Aufmerksamkeitsdefizite entstehen. Die Aufgabe der Eltern ist es demnach, dem Junior einen bewussten Umgang mit dem Internet beizubringen, auf die Abgründe, die es auftut, hinzuweisen und die Zeit vor dem PC zu limitieren. Sie dürfen dabei jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass digitale Medien zum Alltag gehören und Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Medien im Alltag notwendig sind.

Die Frage bleibt für den durchschnittlichen Nutzer bestehen: Werde ich durch die dauerhafte Nutzung von extern gespeichertem Wissen dümmer, weil ich selbst weniger nachdenke? Erstmal ist nichts falsch daran, Wissen auszulagern. Die Funktion, die heute das Internet erfüllt, haben schon früher Notizblöcke, Bücher, der Duden und das Telefonbuch erfüllt. Wissen soll ökonomisch gespeichert und geordnet werden. Unter dem Internet leidet also vor allen das transzendentale Wissen: Sprich, wo finde ich was. Hier hilft uns Google ungemein. Bis zu einem gewissen Grad verlernen wir Wissen, das prädigitale Generationen hatten. Dennoch darf man die positiven Effekte nicht außer Acht lassen. Wissen kumuliert immer schneller zu unüberschaubaren Massen, alles zu wissen und zu lernen ist unmöglich. Durch gezieltes Auslagern kann man sich Platz für neue Ressourcen schaffen und Raum für neue Ideen und vor allem Kreativität. Aber dieser neu geschaffene Raum will auch genutzt werden. Zentral bleibt also für uns und unsere Kinder, wie wir das Internet nutzen. Es gibt keinen Leitfaden für den richtigen Umgang, aber durch kontrollierten und bewussten Umgang mit digitalen Medien, können diese uns den Alltag enorm erleichtern, vereinfachen und bereichern.
Deshalb hier einige Hinweise zum Umgang mit dem Internet für Kritiker und Eltern:

1. Skepsis haben

Das Internet stellt alle Informationen zur Verfügung, unabhängig von ihrem Gehalt. Deswegen liegt es am Nutzer selbst, das Wissen zu sortieren und zu kategorisieren.

2. Bücher schaden nicht

Bücher vermitteln komplexere Zusammenhänge und konzentrieren sich dabei eher auf Themenbereiche. Um umfassende und durchdachte Zusammenhänge zu erfassen, kann es helfen, ein Buch zu lesen

3. Keine Angst

Digitale Medien, unabhängig von persönlichen Präferenzen, gehören zum Alltag und lassen sich nur noch schwer umgehen. Eine gesunde Neugier und ein Ausprobieren helfen beim Umgang.

4. Kombinieren

Internetbasiertes Wissen auf dem PC zu speichern oder zu kopieren und zu sortieren alleine reicht nicht aus, um Wissen aktiv aufzunehmen und zu behalten. Um sich einen grundlegenden Pool an Wissen anzueignen, können altmodische Methoden wie simples wiederholen und das Aufschreiben durchaus nützlich sein.

Weiterführende Links:
E-Learning: Soziale Kompetenz


Foto: Steffen Walther

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