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Der Affe in uns - Ein Einblick in die Evolutionspsychologie

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Wie Genome und die Umwelt uns beeinflussen

Als Umwelfaktor scheint bei den von Maestripieri untersuchten Affen der individuelle Status innerhalb der Gruppe von Bedeutung zu sein. Man beobachtet, dass Affen, die einen niedrigeren Status in der Gemeinschaft haben, nicht so aktiv und lebhaft erscheinen, wie ihre Artgenossen mit höherem Rang. Affen mit geringerem Status sterben in vielen Fällen auch deutlich früher als der Durchschnittsaffe. Eine auffällige Beobachtung in diesem Zusammenhang sind Messungen unterschiedlich hoher Konzentrationen des Stresshormons Kortisol in Blut und Rückenmarksflüssigkeit der Tiere: Affen mit geringem Status weisen kontinuierlich höhere Konzentrationen von Kortisol auf. Dies scheint ein Anzeichen für extremen oder chronischen Stress zu sein, was sich für Tiere als ein andauernder Alarmzustand darstellt. Besonders hohes Kortisollevel geht beim Menschen mit einigen ungünstige Effekte einher: Kortisol scheint in hohen Dosen Teile des Immunsystems zu schwächen sowie ungünstige Auswirkungen auf Gehirnstrukturen zu haben, die für Lernen und Gedächtnis verantwortlich sind. Eine mögliche Hypothese wäre demnach, dass sozial schwächere Affen gesundheitliche Defizite entwickeln, die durch ein erhöhtes Stressempfinden verursacht werden.

Als ein möglicher erblicher Faktor wird bei den Affen ein Gen untersucht, das die Serotoninmenge im Gehirn bestimmt. Dieses Gen kann kürzer oder länger ausfallen, dabei scheinen kürzere Gene für weniger Serotonin im Gehirn zu sorgen. Weniger Serotonin an bestimmten Orten im Gehirn macht Menschen anfälliger für die Entstehung emotionaler Probleme, wie Depression oder Angst. Auch bei den untersuchten Affen könnte demnach diese Anfälligkeit existieren. Dafür würde sprechen, dass sich auch bei ihnen einen Zusammenhang zwischen dem besagten Gen und ihrer Lebensdauer finden konnte. Um die Frage nach dem glücklichen Affenleben letztendlich beantworten zu können, sind weitere Analysen nötig.

In der Tat beschäftigen sich viele Forscher mit dem Studium verschiedener Tiere und ihren psychischen Prozessen. Immer wieder versucht man dabei Parallelen zu menschlichem Erleben und Verhalten zu ziehen, um dadurch neue Erkenntnisse zu erlangen. Aber auch Tiere – für sich genommen – sind ein spannendes Forschungsfeld, welches noch viele ungeklärte Fragen bereithält. Es scheint, als ob wir heute noch weit davon entfernt sind, unsere eigene Psyche zu verstehen. Doch von den meisten Tieren können wir wohl noch viel weniger wissen. Meistens teilen wir noch nicht einmal dieselben Sinnesfunktionen, sodass wir uns nur sehr schlecht vorstellen können, welche Informationen aus der Umwelt in einem Katzen- oder Vogelhirn landen. Mit dem menschlichen Gehirn ist schwer vorstellbar, wie Tiere diese Welt wahrnehmen. Viele Haustierbesitzer werden sich mit Sicherheit schon einmal gefragt haben „Was denkt er sich bloß?“ „Warum tut er das?“. Untersuchungen zu tierischer Intelligenz und zu Tier-Persönlichkeit sind vielleicht auch deswegen besonders populär („Na klar, hat mein Hund ‘ne Persönlichkeit!“). Allerdings besteht hierbei auch die Tendenz, menschliche Eigenschaften auf Tiere zu projizieren und sie so (unbewusst) zu vermenschlichen.

Abschließend kann festgehalten werden, dass wir einen Großteil unsere Gene mit tierischen Verwandten (insbesondere mit Menschenaffen) teilen (s. Tabelle). Um menschliches Verhalten verstehen zu können, kann es durchaus hilfreich sein, die evolutionäre Entwicklungsgeschichte zu bedenken, da unsere Gene durch diese beeinflusst wurden. Um allerdings definitive Aussagen über die Veränderung genetischer Merkmale im Verlauf der Zeit und deren Einfluss auf unsere Psyche machen zu können, bedarf es einer wissenschaftlichen Überprüfung der jeweiligen Hypothesen. Es besteht die Gefahr, für viele aktuelle Phänomene irgendeine offensichtlich logische (und besonders unterhaltsame) Erklärung zu finden, ohne diese allerdings ausreichend belegen zu können. Die Chance besteht vor allem darin, weitere Faktoren identifizieren zu können, die bestimmen wer und wie wir heute sind und so das Puzzle Mensch um ein paar Teile zu ergänzen.

Quellen:

Bublath, J. (2007). Die neue Welt der Gene. Deutscher Taschenbuch Verlag.
Hall, Edward T. (1966). The Hidden Dimension. Anchor Books.
Johanson, D./Edgar, B. (1998) Lucy und ihre Kinder. Heidelberg (Spektrum Akademischer Verlag)
http://www.newscientist.com/article/dn3744-chimps-are-human-gene-study-implies.html#.VVXToPntlBc
http://magazine.uchicago.edu/1002/investigations/inv-01_maestripieri.shtml
http://www.planet-wissen.de/natur_technik/tierisches/intelligenz_bei_tieren/

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2 Kommentare

Die Situation im Fahrstuhl ist wahrscheinlich jedem bekannt, mir war jedoch nicht bewusst, dass diese sogar evolutionär bedingte Ursachen hat, die sich durch unsere ganze Entwicklung ziehen. Wirklich interessant!
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Alexandra B.
Sehr gute Veranschaulichung des "personal space".
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Ani

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