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Der Affe in uns - Ein Einblick in die Evolutionspsychologie

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Wie könnte nun eine Erklärung aus Perspektive der Evolutionstheorie aussehen?

Der Biologe Dario Maestripieri von der University of Chicago zieht den Vergleich zum Tierreich – genauer gesagt zum Affen. Er beruft sich dabei auf die genetische Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch und ihrer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte. Das typische Verhalten im Fahrstuhl begründet er wie folgend: "Dies sei, kurz gesagt, der innere Affe in uns." Maestripieri beobachtete, dass Fahrstuhlfahrer und Affen sich sehr ähnlich verhalten, wenn sie einander auf engem Raum begegnen. Er erklärt, dass in der Affenwelt direkter Augenkontakt Bedrohung signalisiert. Sieht man einem Affen direkt in die Augen, denke dieser, man wolle ihn angreifen. Der Affe fühle sich bedroht und stelle sich auf einen Kampf ein. Das Verhalten der Affen (Gestik, Mimik, Körperhaltung) sei darauf ausgerichtet, Konflikten aus dem Weg zu gehen und ein friedliches Vorhaben zu signalisieren. Diese Verhaltenstendenz sei bei Affen bereits genetisch verankert, sozusagen vorprogrammiert. Für die Menschen im Fahrstuhl bedeutet das womöglich, dass das leichte Unbehagen und die „platzgewährende“ Haltung ein Überbleibsel unserer genetischen Anlage darstellt, die wir uns zu einem Großteil mit den Affen teilen.


Bestimmen uns Verhaltensmuster vergangener Tage?

Handelt es sich beim Fahrstuhlphänomen also um ein uraltes Verhaltensmuster, das heute noch mitbestimmt, wie wir uns in einer komplexen Welt zurechtzufinden? Genetisch vorbereitete (genetisch begünstigte) Verhaltensweisen kennzeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht erst durch viele Lernerfahrungen etablieren müssen, sondern schnell angeeignet sind. Sie laufen weitestgehend automatisch und intuitiv ab, das heißt, ohne dass wir sie bewusst kontrollieren oder lange darüber grübeln, wie wir uns wohl verhalten sollten. Einige Verhaltensweisen, die sich als besonders hilfreich im Laufe der Evolution erwiesen haben, manifestieren sich also in unseren Genen. Das heißt allerdings nicht, dass menschliches Verhalten genetisch determiniert ist. Evolutionsforscher beschäftigen sich insbesondere auch mit der Frage, wie Anlage (genetische Merkmale) und Umwelt (alle Faktoren der Umgebung) miteinander zusammenhängen und wie sich gegenseitig beeinflussen können. Einige genetische Veranlagungen werden beispielsweise erst durch den entsprechenden Umwelteinfluss aktiviert und kommen so zum Ausdruck.

Die evolutionäre Sichtweise liefert darüber hinaus eine Reihe von Beispielen für (ehemals) sinnvolle Umweltanpassungen des Menschen. Oft erwähnt wird z.B. das schnelle Erlernen von Ängsten vor potentiell gefährlichen Tieren (Spinnen, Schlangen) oder vor Höhen bzw. Tiefen (Abhängen, Schluchten). Spinnen- und Schlangenphobien sind in unserer Gesellschaft verhältnismäßig häufig verbreitet, obwohl die wenigsten Betroffenen jemals eine reale Bedrohung von diesen Tieren erfahren haben. Im Gegensatz dazu entwickelt kaum jemand extreme Angst gegenüber Autos oder anderen modernen Gefahrenquellen. Ein weiteres eingängiges Beispiel ist unsere Präferenz für besonders fett- und kalorienreiche Nahrung. Diese Vorliebe war zu früheren Zeiten gewiss einmal eine gelungene Anpassung, um das eigene Überleben zu sichern. In der heutigen Umwelt jedoch befindet sich der Durchschnittsmensch der westlichen Bevölkerung im Überfluss: hier würden wir mittlerweile eher von eine maladaptiven Anpassung sprechen.
Es lassen sich also einige interessante Ideen durch das Studium der Evolution und verwandter Tierarten finden. Was können wir von tierischen Verwandten noch lernen? Maestripieri untersucht unter anderem, welche Faktoren und Bedingungen für ein langes glückliches Affenleben ausschlaggebend sein können. Denn auch bei Affen gilt, dass einige Tiere relativ früh sterben, andere dagegen sehr alt werden und besonders aktiv und munter erscheinen. Wie auch beim Menschen dreht es sich dabei vor allem um die Fragestellung, wie sehr genetische Anlage oder individuelle Erfahrungen mit der Umgebung bestimmen, was für eine „Person“ man ist und wie das eigene Leben verläuft (Stichwort Umwelt-Anlage-Diskussion).

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2 Kommentare

Die Situation im Fahrstuhl ist wahrscheinlich jedem bekannt, mir war jedoch nicht bewusst, dass diese sogar evolutionär bedingte Ursachen hat, die sich durch unsere ganze Entwicklung ziehen. Wirklich interessant!
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Alexandra B.
Sehr gute Veranschaulichung des "personal space".
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Ani

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