Persönlichkeit entwickeln

Das Schamgefühl - So bekannt und doch vermieden

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Welche Menschen können keine Scham empfinden?

Keine Scham können solche Menschen empfinden, die eine dissoziale Persönlichkeitsstörung haben. Diese Menschen zeichnen sich durch fehlende Empathie, mangelndes Lernvermögen aus Belohnungs- sowie Bestrafungssituationen und eine niedrige Frustrationstoleranz mit einer erhöhten Neigung zu impulsiven aggressivem Verhalten aus. Besonders auffällig für diese Personengruppe ist zudem die Unfähigkeit, soziale Normen einzuhalten. Wie oben beschrieben besteht der Kern des Schamempfindens in der Internalisierung sozialer Normen.

Wer nicht in der Lage ist, soziale Normen zu lernen, kann infolgedessen auch keine Scham empfinden. Damit sind dissoziale Menschen unfähig, die entwicklungsförderliche Funktion des Schamgefühls wahrzunehmen und umzusetzen. Ursächlich für die fehlende Internalisierung sozialer Normen sowie dem Mangel an Schamgefühl kann ein genetischer Fehler sein, welcher die neurologische Verarbeitung von Belohnung und Bestrafung beeinträchtigt. Ebenfalls Grund für diese Veranlagung kann eine Sozialangst sein, welche jeglichen sozialen Einfluss abwehrt.

Wann wird das Schamgefühl zur Belastung?

Tritt Schamgefühl im Übermaß auf, so kann dieses Übermaß krank machen. Es dämpft die Freude und bremst den Elan im Leben. Hier greift häufig folgender Kreislauf: Die vermehrte Scham, die die eigene Person betrifft, bewirkt Rückzug aus dem sozialen Leben. Man will sich den anderen nicht zumuten. Der fehlende zwischenmenschliche Kontakt wiederum bestätigt die eigene Unwürdigkeit und verstärken sich Schamgefühl und sozialer Rückzug. Aus dem Empfinden eigener Unwürdigkeit heraus wird auch externe Hilfe seltener in Anspruch genommen. Dabei besteht gerade durch Inanspruchnahme einer geeigneten Therapie die Möglichkeit, das übermäßige Schamempfinden sowie resultierende Schuldgefühle zu behandeln. Dazu wird der Selbstwert gestärkt und die Bedeutung der Scham als gemeinschaftsförderlicher Faktor behandelt. In vielen Fällen wird Scham als Ursprung nicht mehr wahrgenommen. Überlagernde aggressive oder depressive Stimmungen springen dem Betrachter deutlicher ins Auge.

Ein höheres Risiko für die Entwicklung eines übermäßigen Schamempfindens liegt insbesondere dann vor, wenn unabänderliche Faktoren in der Biografie von der sozialen Norm abgewertet werden (niedriger sozioökonomischer Status, niedriger Bildungsstatus in der Herkunftsfamilie, Migrationsgeschichte,…) oder wiederholt beschämende Erfahrungen gemacht wurden. Auch physische und emotionale Traumatisierungen in der Kindheit verstärken das Gefühl der eigenen Unwürdigkeit. Infolgedessen wird das Verachtungserleben für die eigene Person als unkontrollierbar erlebt und wird dauerhaft aufrecht erhalten. Daraus können sich zahlreiche psychische Erkrankungen entwickeln, wie beispielsweise Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen, zu deren Behandlung wiederum spezifische Therapieverfahren eingesetzt werden.


Autor: Miriam Jähne (Impulsdialog)

Quellen:
Freyd, J. J. (2014). What is a Betrayal Trauma? What is Betrayal Trauma Theory? Verfügbar unter: http://pages.uoregon.edu/dynamic/jjf/defineBT.html.

Juhasz, A. & Mey, E. Die zweite Generation: Etablierte oder Außenseiter? Biografien von Jugendlichen ausländischer Herkunft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Hilgers, M. (2012). Scham: Gesichter eines Affekts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Salentin, K. (2002). Armut, Scham und Stressbewältigung: Die Verarbeitung ökonomischer Belastungen im unteren Einkommensbereich. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Strassberg, D. (2004). Scham als Problem der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 155, 225-228.



Anmerkung des Autors:
Das der leichteren Lesbarkeit halber ggf. verwendete generische Maskulinum schließt sämtliche sexuelle Identitäten ein und soll insofern nicht als Form sozialer Diskriminierung missverstanden werden.

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