Persönlichkeit entwickeln

Das Schamgefühl - So bekannt und doch vermieden

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Der Nutzen des Schamgefühls

Evolutionsbiologisch ist zur Sicherung des eigenen Überlebens die Sicherung der Gruppenzugehörigkeit notwendig. Damit eine Gruppe funktionsfähig und infolgedessen auch überlebensfähig ist, müssen Gruppenarbeit sowie Gruppenzusammenhalt gesichert werden. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Normen der entsprechenden Gruppe eingehalten werden. Das heißt, zum eigenen Überleben sind die Einhaltung der Normen sowie die Anpassung des eigenen Lebensverständnisses an jene unverzichtbar. Die Einhaltung der Gruppennormen wurde dementsprechend seit jeher sehr genau durch den Blick eines anderen überwacht.

Über die Dauer der Zivilisierung wurden gesellschaftliche Normen jedoch immer mehr verinnerlicht und als eigene ethische Instanzen anerkannt. Dadurch braucht die Gesellschaft nur noch wenige unmittelbare Beobachter (z.B. Polizei oder Justiz), die auf eine Einhaltung der Normen achten. Jeder Mensch ist sein eigener Überwacher, indem er immer wieder automatisch die Normperspektive einnehmen kann. Das heißt, jeder Mensch kann selbst beobachten, ob er die Normen einhält oder nicht. Der Blick einer realen anderen Person ist infolgedessen nicht mehr nötig.

Allerdings wohnt jedem Menschen natürlicherweise nicht nur das Streben nach Einhaltung von Normen inne. Jeder Mensch verfolgt bewusst und unbewusst eigene Ziele und Wünsche oder zeigt spontane, unreflektierte Reaktionen. Viele dieser Spontanreaktionen oder Wünsche sind in bestimmten Situationen nicht oder nur eingeschränkt mit den gesellschaftlichen Normen vereinbar. In diesen Fällen nimmt der Mensch an, für seine im Grunde genommen natürliche Reaktion verachtet zu werden. Da diese Reaktion der eigenen Person entspringt, erstreckt sich das Verachtungserleben auch auf die gesamte eigene Person. Infolgedessen bildet sich ein Gefühl von Scham aus.

Entstehen kann Scham nur über die soziale Fähigkeit des Menschen zu Empathie und Mitgefühl. Kann ich mich in einen Menschen einfühlen, so merke ich, was ihn bewegt und erfreut, aber auch was ihn verärgert und was er für verachtenswert hält. Dies ermöglicht dem Menschen nicht nur zu bemerken, wenn ihn in einer aktuellen Situation tatsächlich ein verachtender Blick trifft. Es bewirkt ebenso, dass die Verachtung der eigenen Person durch einen anderen Menschen erwartet wird. Diese Erwartung muss sich nicht bewahrheiten. Auch ohne deren Bewahrheitung ist der Mensch zu Schamgefühlen fähig.

Wieso schämt man sich für andere?

In der Neurologie zeigen Studien, dass beim Fremdschämen eben jene Hirnareale aktiviert werden, welche beim Gefühl von Mitleid aktiviert werden. Hier zeigt sich, dass Empathie nicht nur beim Selbstschämen, sondern ebenso beim Fremdschämen eine große Rolle spielt. Aber auch die eigenen Normansprüche spielen eine wichtige Rolle: werden solche Normen verletzt, die mir persönlich besonders wichtig sind?

Zudem ist Fremdschämen an Identifikation mit anderen gebunden. Beispielsweise gehört jeder verschiedenen Gruppen an (Familie, Freunde, Beruf, Bildungsabschluss, Hobbys etc.). Bei Identifikation mit solchen Gruppen, werden diese in der eigenen Identität verankert. Dies erleichtert die Identifikation mit Unzulänglichkeiten der eigenen Gruppe, wenn ein Mitglied sich normverletzend verhält. Fremdschämen kann man sich jedoch auch für Personen oder Gruppen, die man nicht regelmäßig trifft, solange Identifikation, Empathie und Normverletzungen in ausreichendem Maß für die Ausbildung eines Schamgefühls auftreten. So kann man sich auch für als peinlich empfundene Politiker, Fernsehdarsteller oder die gesamte Spezies Mensch schämen.

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