Persönlichkeit entwickeln

Das Schamgefühl - So bekannt und doch vermieden

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Der Kopf wird rot, der Körper erstarrt und am liebsten möchte man sofort im Erdboden versinken. Das Schamgefühl. Von jedem gekannt und in seiner Bedeutung von den meisten vermieden. Um eine Annäherung an dieses als unangenehm wahrgenommene Gefühl zu bieten, sollen die zentralen Fragen um dieses Gefühl geklärt werden: Was ist das Schamgefühl und wozu existiert es? Warum können wir uns fremdschämen? Und: wann wird Scham zur Belastung?

Das Schamgefühl ist ein sehr starkes und intimes Gefühl. So wie Schuld und Verlegenheit gehört es zu den moralischen Emotionen. Diese Zuordnung bedeutet, dass dieses Gefühl in der Regel dann auftritt, wenn man gegen soziale Normen verstößt und dies durch Dritte beobachtet wird. Durch Rötung des Gesichts wird für alle sichtbar, wie man sich gerade fühlt. Sein Innerstes richtet sich quasi nach außen, was diesem Gefühl einen sehr intimen Charakter verleiht.

Doch auch körperlicher Kräfteverlust, Erstarrung sowie Aufhebung des normalen Erlebens von Raum und Zeit sind charakteristisch für dieses unangenehm erlebte und jedem bekannte Gefühl. Dennoch wird das Thema Scham häufig vermieden. Stattdessen werden benachbarte Emotionen wie Ängste oder Schuldgefühle benannt. Dabei ist dieses Gefühl durchaus auch nutzbringend.

Wie wird Schamgefühl verstanden?

Außer dem Menschen kann kein anderes Lebewesen Scham empfinden. Daher wird vermutet, dass sich der Ursprung in unseren Genen befindet. Doch nicht nur unsere Gene scheinen relevant zu sein für die Ausbildung des Schamgefühls. Erst im Verlauf des zweiten Lebensjahrs konnten Forscher das Auftreten von Scham entdecken. Nur was geschieht in genau diesem zweiten Lebensjahr, dass der Mensch erst hier Schamgefühl zeigen kann? Entwicklungspsychologisch ist diese Frage leicht zu beantworten: Zu dieser Zeit entwickelt sich die Individualität und damit das Erleben von sich selbst und von anderen. Und genau dieses Gefühl von „ich“ und „andere“ ist zentral, um Scham zu verstehen.

In der Psychoanalyse wird Scham unmittelbar mit Schuldgefühlen in Verbindung gebracht. Die Folge ist, dass man sich für etwas schämt, beispielsweise für ein defizitäres Verhalten. Diese Annahme ist auch vorwiegend in der Gesellschaft verankert. Doch die psychologische Praxis zeigt, dass diese Perspektive zu kurz fasst: Meine Schuld kann ich aufheben, indem ich mich für mein Verhalten ent-schuldige. Ein ent-schämen gibt es allerdings nicht. Wo das Schuldgefühl bereits vergangen ist, bleibt das Schamgefühl weiterhin bestehen.

Was das Schamgefühl so überdauernd macht, lässt auch viele Psychologen ratlos. Doch eine Antwort zu diesem Problem findet sich in der Philosophie: Hier wird Scham als Gefühl der eigenen Unwürdigkeit beschrieben. Erlebt wird eine vermeintlich berechtigte Verachtung durch andere. Die Verachtung „durch andere“ verdeutlicht bereits, dass Schamgefühl an das Gesehenwerden durch einen anderen gebunden ist. Dieses Gesehenwerden kann bereits real auftreten oder auch erwartet werden. Nur was könnte dieser Blick eines anderen entdecken? Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf den Nutzen, welcher sich hinter dem Schamgefühl verbirgt, notwendig.

 

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