Persönlichkeit entwickeln

Auf den Spuren des Selbst: das autobiographische Gedächtnis

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Erinnerungen an unser eigenes Leben tragen in hohem Maße dazu bei, wie wir uns selbst sehen. Unser autobiographisches Gedächtnis spielt nicht nur eine Rolle, wenn wir auf unsere Vergangenheit zurückblicken, sondern bestimmt auch, wie wir uns in der Gegenwart zurechtfinden und wie wir uns unsere Zukunft vorstellen.

Unser autobiographisches Gedächtnis beinhaltet kurz gesagt alles Wissen, welches wir über unser eigenes Leben besitzen. Autobiographische Erinnerungen stellen also Episoden und Ereignisse aus unserer eigenen Lebensgeschichte dar. Das autobiographische Gedächtnis hat dabei verschiedene Funktionen:

Die erste Funktion beschreibt unsere Erinnerungen als handlungsanleitend, indem sie als „Wegweiser“ für gegenwärtiges Verhalten und Erwartungen dienen. Ein klassisches Beispiel ist das Gefühl, „aus Fehlern gelernt“ zu haben: viele vergangene Erfahrungen tragen dazu bei, wie wir Herausforderungen heute angehen und auch, dass Ergebnisse von bevorstehenden Handlungen vorhersehbar werden.

Eine zweite Funktion beschreibt die soziale Funktion. Sie wird von vielen Menschen als die wichtigste Funktion angesehen. Sich gemeinsam an etwas zu erinnern schafft nicht nur Gesprächsstoff, sondern vertieft auch zwischenmenschliche Beziehungen. Auch ist es wichtig, dass man seine Erfahrungen an andere weitergeben kann, wie etwa Eltern an ihre Kinder.

Die dritte Funktion umfasst die Beziehung zu unserem Selbst. Gegenwärtige psychologische Theorien zum autobiographischen Gedächtnis sehen die Rolle des Selbst in Zusammenhang mit unserem Gedächtnis als besonders zentral an. Wie wir uns selbst definieren, hängt nämlich eng mit den Erinnerungen an unser Leben zusammen. Mittels Erinnerungen kann man anderen beschreiben, wie man zu dem Menschen geworden ist, der man heute ist.


Der Zusammenhang zwischen unserem Selbst und unseren Lebenserinnerungen


Zwischen unserem Selbst und unserem autobiographischen Gedächtnis besteht ein Zusammenhang in beide Richtungen. Wie wir Dinge wahrnehmen, verarbeiten und erinnern, trägt zur Ausformung unseres Selbst bei. Umgekehrt lenkt unser Selbst auch die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt verstehen. Unser Selbstbild spiegelt dabei auch Ziele wieder, die wir in unserem Leben verfolgen, z.B. das Studium erfolgreich abschließen, aber auch ein/e gute/r Partner/in sein. Diese Ziele sind mental in einer komplexen Hierarchie angeordnet, wo sie aufeinander abgestimmt und untereinander koordiniert werden, sodass wir bestmöglich unseren verschiedenen Rollen gerecht werden. So haben diese Ziele auch eine handlungsanweisende Funktion und beeinflussen, was wir verarbeiten, wahrnehmen und abspeichern. Eine andere wichtige Funktion des Selbst betrifft das Gefühl von Kohärenz und Kontinuität im Leben. Wir haben ein Gefühl dafür, dass unsere Lebensgeschichte von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft hinein zusammenhängend ist und dass wir im Grunde genommen dieselbe Person sind, auch wenn wir uns über die Zeit hinweg verändern. Eine dritte Funktion des Selbst betrifft die Abrufbarkeit von Erinnerungen aus dem Gedächtnis. Dabei sind vor allem jene Erinnerungen leicht zugänglich, die wir als selbstdefinierend, als große Wendepunkte in unserem Leben einstufen – etwa der Schulabschluss, die erste eigene Wohnung, der erste Job, die Hochzeit, das erste Kind. Viele dieser Ereignisse geschehen in einem Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Das ist mitunter eine Erklärung für den sogenannten reminiscence bump, was auf deutsch etwa „Erinnerungshügel“ bedeutet. Wenn ältere Menschen zurückblicken und von ihrem Leben erzählen, so berichten sie überdurchschnittlich häufig Erinnerungen aus der Jugend und des frühen Erwachsenenalters. Betrachtet man so die Verteilung berichteter Erinnerungen über die Lebensspanne hinweg, entsteht in diesen Jahren ein „Hügel“ aus mehr Erinnerungen.


Wie verlässlich ist unser Gedächtnis?


Unser Gedächtnis hat in unserem Leben also eine zentrale Rolle inne. Viele Menschen stellen sich ihr Gedächtnis wie eine Art Videorekorder vor, der realitätsgetreue Aufnahmen macht, die man zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder abspielen kann. Doch heute ist man viel mehr der Ansicht, dass der Vorgang des Erinnerns ein Rekonstruktionsprozess ist, also Erinnerungen wieder und wieder rekonstruiert werden, wenn wir sie uns ins Gedächtnis rufen. Dabei werden Erinnerungen möglicherweise sogar dahingehend verändert, dass sie unseren gegenwärtigen Überzeugungen und Einstellungen entsprechend. Auch verblassen Erinnerungen mit der Zeit: wir erinnern uns manchmal nur noch dunkel an etwas und können keine Details mehr abrufen, die uns einige Jahre zuvor noch bewusst waren. Manchmal sind wir uns sogar unsicher, ob wir etwas nur geträumt oder im Fernsehen gesehen haben oder ob es uns tatsächlich selbst passiert ist. Auch nachträglich gelieferte Informationen können unsere Erinnerungen beeinflussen und sogar verzerren.

Wie falsche Erinnerungen zustande kommen können, ist eine der großen Fragen der Kognitionspsychologie. Einen bedeutenden Beitrag auf diesem Forschungsfeld leistet die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus. Seit Anfang der 70er Jahre beschäftigt sie sich mit falschen Erinnerungen. Dazu hat sie verschiedenste Versuche durchgeführt. In einem solchen Versuch wurde ein Verwandter des jeweiligen Versuchsteilnehmers gebeten, drei Geschichten aus der Kindheit des Teilnehmers zu erzählen. Eine vierte Geschichte wurde vom Forscherteam frei erfunden, nämlich dass der Teilnehmer etwa im Alter von fünf Jahren in einem Einkaufszentrum verloren ging und schließlich von einer älteren Frau gefunden und zurück zu seiner Familie gebracht wurde. Diese Geschichte wurde mithilfe des Verwandten mit plausiblen Details ausgestattet, war aber laut dessen Auskunft mit Sicherheit so nie vorgefallen. Die Versuchsteilnehmer wurden daraufhin gebeten, sich alle vier Geschichten in einem Heft durchzulesen und kurz danach sowie in zwei späteren Interviews zu erzählen, an wie viele Details sie sich noch erinnern könnten. Die Ergebnisse waren überraschend: 6 von den 24 Teilnehmern waren davon überzeugt, dass die erfundene Geschichte tatsächlich passiert wäre und berichteten, beispielsweise mit Details über das Aussehen der zu Hilfe gekommenen älteren Frau, wie sich dieses Ereignis zugetragen hätte.

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