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ADHS/ADS bei Kindern – Chaos im Kopf und falscher Umgang

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Sie sind bekannt als „Zappelphillip“, „Träumer“, „Trödler“ und „Chaoten“. Sie sind nicht immer gern gesehen und leiden meist ein Leben lang unter ihrem „Stempel“ – Kinder mit AD(H)S. Die Diagnosen steigen von Jahr zu Jahr rasant an, doch was sind die Ursachen und wie wirkt sich ADHS/ADS auf die Kinder, die Familien und das Leben aus?

Die Diagnosen der AD(H)S Kinder und Jugendlichen stieg in den letzten Jahren enorm an. Dem Arztreport 2013 der Barmer – GEK zur folge, stiegen die Zahlen der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen von 2006 – 2011 um 42 %.

Das heißt für 2011: 472 000 Jungen und 149 000 Mädchen unter 19 Jahren erhielten die Diagnose ADHS/ADS.
Die Fragen, die sich diesbezüglich stellen lassen und immer lauter werden sind nicht unberechtigt: „Warum werden immer mehr Diagnosen gestellt?“, „Was hat sich in unserem Leben so stark verändert, dass unsere Kinder immer auffälliger werden“, „Was sind die Ursachen dieser am häufigsten auftretenden psychischen Störung im Kindes/Jugendalter?“ und „Wie wirkt sich diese Störung auf die Kinder, die Familien und das Leben an sich aus?“.

Die Ursachen dieser Störung sind immer noch nicht vollends ergründet. Man geht allerdings auch von einer genetischen Veranlagung aus. Das heißt: Ist ein Elternteil bereits von ADHS/ADS betroffen, steigt die Gefahr für die Kinder, ebenfalls an ADHS/ADS zu erkranken um ein Vielfaches an. Weiterhin werden zum Beispiel das Rauchen, Alkohol und Umweltgifte während der Schwangerschaft als Risikokennziffer mit angegeben.

Der wichtigste Faktor bei der Entstehung von AD(H)S sind allerdings unsere Botenstoffe im Gehirn. Unser Körper benötigt sogenannte Neurotransmitter – Botenstoffe, um die vielfältigen Aufgaben erfüllen zu können. Unter anderem sind diese Botenstoffe für die Signalübertragung zwischen unseren Nerven zuständig. Wir benötigen sie, um Dinge wahrnehmen zu können, diese zu filtern, aufmerksam sein zu können, unsere Bewegungen zu kontrollieren oder um zu lernen. Die Wissenschaft ist sich einig, dass es bei Kindern mit ADHS/ADS zu Beeinträchtigungen folgender Botenstoffe kommt:

● Noradrenalin
● Serotonin
● Dopamin

Noradrenalin ist unter anderem zuständig für die Aufmerksamkeit, den Wachheitsgrad, die Motivation, Konzentration, Gedächtnis und die Informationsverarbeitung sowie für die Emotionen. Dopamin hingegen regelt unter anderem unsere Bewegungsabläufe, Motivation, Emotionen, Gedächtnis und ist das sogenannte „Belohnungssystem“. Darüber hinaus ist Dopamin ein wichtiger hemmender Botenstoff von bestimmten Prozessen im Gehirn. Serotonin ist unter anderem mitverantwortlich für die Impulssteuerung, beeinflusst fast alle Hirnfunktionen und reguliert die Stimmung und den Schlaf – Wach – Rhythmus.

Auch das Zusammenspiel dieser Botenstoffe beeinflusst uns. Noradrenalin und Serotonin regeln die Angst und die Irritabilität. Serotonin und Dopamin sind vor allem für den Appetit und die Aggression verantwortlich. Dopamin und Noradrenalin regeln unter anderem die Motivation.


Als weitere Ursachen des ADHS/ADS werden angeführt:

  • Ernährung
  • frühkindliche Hirnschädigungen
  • mangelnde zerebrale Durchblutung v.a im Frontalhirn

Es gibt somit nicht die eine Ursache, die zum Erscheinungsbild des ADHS/ADS führt. Es sind eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren für diese Stoffwechselstörung im Gehirn verantwortlich. Die Auswirkungen aus diesen einzelnen Faktoren sind allerdings beträchtlich und können zu einem langen Leidensweg für die betroffenen Kinder sowie ihrer Eltern führen.
Die Kardinalssymptome der ADHS/ADS sind:

● Impulsivität
● Unaufmerksamkeit
● Impulsstörung



Durch die Dysfunktionen der Botenstoffe im Gehirn werden bestimmte Hirnregionen beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigungen führen dazu, dass die Kinder sich nicht konzentrieren können und unaufmerksam sind. Sie sind nicht im Stande, die einkommenden Informationen zu filtern. Unser Gehirn kann nicht alle Reize verarbeiten und filtert (normalerweise) „automatisch“ und sortiert in „wichtig“ und „unwichtig“ – Diese Funktion versagt bei diesen Kindern. Sie können ihre Gefühle und Emotionen nicht kontrollieren, da hierfür wichtige Hirnzentren „nicht funktionstüchtig arbeiten“. Durch die fehlende dopaminbezogene Hemmung bestimmter Regionen sind diese ständig in Aktion sodass diese zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule nicht still sitzen können.
Typische Symptome des ADHS/ADS lassen sich in jeder Altersklasse finden.

● permanentes, exzessives Schreien (nicht jedes Schreibaby hat ADHS)
● Fütterstörung
● das Baby lässt sich nur sehr schwer beruhigen
● es sucht in diesem Alter schon ständig nach neuen Reizen
● ausgeprägte Trotzphase
● Schwierigkeiten in der Gruppe
● häufiges Zerstören
● kein „Gefahren – sehen“
● Einschlafschwierigkeiten
● die Erzieher sind häufig überfordert
● ständige Elterngespräch schon im Kindergarten
● Schwierigkeiten in der Schule
● kann nicht still sitzen
● bekommt immer Ärger mit Klassenkammeraden
● Lese – Rechtschreibschwäche
● ständiges „Dazwischen – Reden



Aus diesen Symptomen ergeben sich viele negative Verhaltensweisen im Umgang mit diesen Kindern sowie seelische Probleme. Mit ihrer Art passen sie weder in das Schulsystem noch in unsere Gesellschaft. Sie werden ständig ermahnt still zu sitzen, sich zu benehmen oder sich doch zusammen zu reißen. Doch leider können sie all dies nicht ohne adäquate Hilfe. Durch die häufigen negativen Kommentare an die Kinder leidet ihr Selbstwert und sie bekommen das Gefühl, nichts richtig machen zu können. Daraus ergeben sich wiederrum ein vermindertes Selbstvertrauen, negative Gedanken, Versagungsängste und Aggressionen. Die Kinder selber leiden darunter, dass sie nicht so sein können, wie die anderen Kinder, so sehr sie sich auch bemühen. Die Eltern bekommen sehr häufig den „guten Rat“, ihre Kinder in den Griff zu bekommen und strenger zu sein. Betroffene Eltern (vor allem Mütter) leiden häufig an wachsender Verunsicherung, mangelndem Selbstwertgefühl und Depressionen. Nicht zuletzt kommt es aus dieser ganzen Konstellation heraus zu familiären Problemen, die das Erscheinungsbild des ADHS/ADS weiterhin verschlimmern.


 

Weiterführende Links:
Selbsttest: Persönlichkeit

 

Corinna Wietelmann

Foto: Steffen Walther

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