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Wie aus einer ADHS eine Glutenunverträglichkeit wurde

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Phillip ( Name geändert ) kam mit 9 Jahren in meine ADHS – Praxis. Er erhielt bereits vor 2 Jahren die Diagnose „ADHS“ und fiel bereits im Kleinkindalter unangenehm auf. Im Kindergarten konnte er nicht still sitzen - was den Morgenkreis meist unmöglich machte, er zerstörte die Bauten der anderen Kinder und war nicht gerade der Liebling der Erzieher. Die Elterngespräche häuften sich, als Phillip anfing die anderen Kinder zu verprügeln. Ein Erfahrungsbericht. Informieren Sie sich bei Impulsdialog über zahlreiche alltägliche und psychologische Themen, profitieren Sie von Erfahrungen Anderer oder gehen Sie gezielt Ihre ganz persönlichen Hürden und Probleme an.

Die Eltern waren am Rande der Verzweiflung und probierten in ihrer Hilflosigkeit viele unterschiedlichen Erziehungstipps aus – ohne Erfolg. Durch das „Erziehungshopping“ wurden die Eltern, wie auch Phillip, immer unsicherer und der Haussegen bröckelte zunehmens.
Dann kam Phillip in die Schule und der normale „ADHS – Kreislauf“ nahm seinen Gang. Phillip konnte sich nicht konzentrieren, geriet mit den anderen Schülern aneinander, vergaß seine Stifte und Hefte sowie die Hausaufgaben, die Elterngespräche wurden noch mehr als bereits im Kindergarten und Phillip sollte bereits die erste Klasse wiederholen.
Die Lehrer sowie die Schulleitung drängten die Eltern auf einen ADHS – Test, dem sie schließlich zustimmten. Der Arzt stellte nach 2,5 Std die „sichere“ Diagnose ADHS und hatte auch gleich ein Medikamentenrezept parat. Die Eltern wollten jedoch alles für ihren Sohn unternehmen, dass es ihm auch ohne Medikamente besser ging.
 
Nun fing die Aufklärung für die Eltern an. Sie recherchierten im Internet und traten einer Selbsthilfegruppe bei. Phillip ging zur Ergotherapie und es wurde versucht, ihn in die Schule positiv zu integrieren, was leider nicht gut gelang. Die Probleme in der Schule wurden nicht weniger und Phillip besuchte nun zusätzlich einen Psychotherapeuten der ein Verhaltenstraining durchführte. Nachdem keine Verbesserungen eintraten, besuchten die Eltern mich, um weitere Hilfen für sich selbst im Umgang mit ihrem Sohn in Anspruch zu nehmen.

In meiner Arbeit als ADHS- und psychologische Beraterin lasse ich prinzipiell bei allen ADHS Diagnosen und auch bei Frauen, die massive Stresssymptome aufweisen, ein 14-tägiges Ernährungsprotokoll ausfüllen. Ich bin ausgebildete Fachberaterin für Säuglings-, Kleinkind- und Jugendernährung und habe eins gelernt: „Unterschätze deinen Speiseplan nicht“. Die Eltern willigten ein und waren dankbar über jede Hilfestellung. Nach 14 Tagen werteten wir das Ernährungsprotokoll aus. Zu dem Ernährungsprotokoll sollten sie zusätzlich Phillips Verhalten notieren – alles, was ihnen an ihm auffiel. Das Ernährungsprotokoll ergab sehr viele Nudeln, Reis und Vollkornprodukte. Darüber hinaus viel Wurst, Fleisch und Eistee. Ich vereinbarte mit den Eltern eine Ernährungsumstellung.
Sie sollten für vier Wochen glutenhaltige Getreidesorten komplett vermeiden und Wurst und Fleisch nur noch sehr eingeschränkt verzehren. Darüber hinaus wurde der Zucker ebenfalls vom Speiseplan gestrichen. Die Eltern verzichteten auf Roggen, Weizen, Dinkel & Co und kochten stattdessen mit Amaranth und Quinoa. Ein Bäcker in der Nachbarschaft hatte zum Glück Brot aus Hirse im Angebot, was allen Familienmitgliedern sehr gut schmeckte.
Statt Eistee mit viel Zucker oder Limo gab es nun zu Phillips Leidwesen Wasser – aber da musste er nun durch. Wir erklärten ihm die Wichtigkeit und Dringlichkeit dieses Vorgehens und machten ihm klar, dass wir ihm nichts Böses wollten. Damit es Phillip leichter fiel und er sah, dass alle Familienmitglieder sich einig waren, verzichteten auch die Eltern auf Limonade und Zucker und somit zog Phillip ganz gut mit.
 
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Ein Kommentar

Phillip könnte auch unser Kind sein. Vieles von dem was im Artikel beschrieben wurde, kenne ich nur zu gut. Unserem Sohn (10 Jahre alt) hat zwar kein Arzt ADHS diagnostiziert und es gab bei uns keine Diskussion um Medikamente, aber die soziale Belastung für unsere Familie war aufgrund der Verhaltensauffälligkeiten unseres Kindes sehr hoch. Unser Sohn wird daher auch in der Schule besonders gefördert. Wir begegnen vielen Menschen, die uns unterstützen, aber auch vielen, die das Verhalten des Kindes nicht verstehen.
Letztendlich war der Leidensdruck unseres Kind riesig. Er merkte selber, dass er anders war, dass er sich oft nicht steuern konnte, dass er sehr häufig unvermittelt aufsprang oder weinte, wo andere Kinder gelassen waren. Das Selbstvertrauen sank dadurch und die Angst vor neuem "Fehlverhalten" stieg. So suchten wir nach Lösungen.
Unser Sohn war (im Alter zwischen 6 und 8) bei einem Kinderpsychologen, was ihn bereicherte, doch ihm grundsätzlich nicht half. Er geht seit über einem Jahr zur Ergotherapie und erhält eine Neurofeedback-Therapie, was auch Besserung in seiner Selbstwahrnehmung und Entspannungsfähigkeit brachte, doch die Impulskontroll- und Sprachstörung nicht beseitigen konnte.
Ab dem Tag an dem ich die Broschüre von Dr. Harald Blomberg: "Glutenbedingte Störungen bei Kindern und Erwachsenen" gelesen hatte, gab es bei uns zu Hause keine Lebensmittel mit Gluten mehr. Dr. Blomberg beschreibt, dass Gluten ursächlich für Entzündungen im Gehirn sein kann. Zum selben Zeitpunkt fand ich diesen Artikel im Internet und holte mir weitere Anregungen (z.B. weiterhin Lebensmittel testen) und Bestätigung für die Ernährungsumstellung.
Nun ernähren wir uns seit drei Monaten glutenfrei, minimierten Laktose und es gibt höchsten einmal in der Woche Süßigkeiten (und das liegt an mir ;)).
Ich würde es wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich es selbst erleben würde. Aber unser Sohn entwickelt sich wie Phillip. Entscheidend ist, dass er es selbst merkt und sehr froh darüber ist. Er spürt, dass er mit der Zeit stetig ruhiger und entspannter wird.
Unser Sohn hat schon immer alles gern gegessen und findet es überhaupt nicht schlimm, glutenfrei zu essen. Für uns ist es schon eine Umstellung. Aber wir haben sowieso abends immer gekocht und da muss jetzt eben nur genauer geplant werden. Die übriggebliebene Portion bekommt meine Sohn am nächsten Tag mit in die Schule. Es ist insgesamt auch nicht teuer, sich glutenfrei zu ernähren, wenn man sich gut informiert. Das kostet halt Zeit. Doch das nehmen wir liebendgern in kauf.
Die Neurofeedback-Therapie nimmt unser Kind weiterhin wahr, da hier auch noch viel passiert und das Ergebnis messbar ist. Weiterhin hat er sehr eingeschränkten und zeitlich festgelegten Zugang zu Medien und Computerspielen.

Wir freuen uns sehr, dass es unserem Kind immer besser geht. Unsere Lebensqualität ist in sämtlichen Lebensbereichen gestiegen. Wir können nun ganz anders Veranstaltungen, Ausflüge und Urlaube planen. Unser Sohn spricht jetzt besser und kann daher konkreter seine Nöte, Sorgen und Wünsche äußern. Er wird wie Phillip nie ein "Wunderknabe" werden, aber es geht ihm wesentlich besser und er ist dankbar, was er uns gelegentlich zeigt.

Ich wünsche mir, dass bei Verhaltensauffälligkeiten von Kindern (und auch Erwachsenen) durch Ärzte und Therapeuten regelmäßig geprüft wird, ob Gluten-, Laktose oder andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten vorliegen.
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Antje

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