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Erfahrungsbericht Multiple Sklerose: Interview mit einem Betroffenen

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Hast du versucht über deine Krankheit zu reden? Wie haben die Menschen dann reagiert?

Es hat leider auch wenig gebracht darüber zu reden. Meistens hat es sogar das Gegenteil bewirkt. Es ist aber auch irgendwie verständlich. Du würdest ja auch nicht immer hören wollen, wie schlecht es einem deiner Freunde geht? Irgendwann hat man genug. Man will nicht mehr so viel davon hören, wie schwer das Leben ist und wie schlecht alles ist und endgültig. Klar, Freunde sind unter anderem dafür da. Und sie haben auch zugehört. Aber es wurde irgendwann zu viel. Dann kam noch dazu, dass sie mit ihren Problemen nicht mehr zu mir kamen, weil sie mich nicht belasten wollten. Sie wussten, dass es mir schlecht geht. Und wenn ich dann höre, dass es noch jemanden schlecht geht, würde es mir ja nur schlechter gehen. Ich würde mir Sorgen machen. Und so kam es, dass der Kontakt immer weniger wurde. Man meldet sich einfach nicht so oft bei den Leuten, denen man nicht alles erzählen kann, die einen nur noch bemitleidet oder wegen der Rente beneidet. Wenn man sein Hobby aufgeben muss und man einfach nicht mehr so viel mit seinen Freunden machen kann wie früher, ist es ziemlich belastend.

Wie hast du dich damit abgefunden? Was machst du jetzt gerne in deiner Freizeit?

Ich lese viel und gerne. Ich lese gerne gesellschaftskritische Bücher. Aber auch Romane sind eine tolle Abwechslung. Wenn es mir gut geht, bin ich gerne unterwegs. Damit meine ich nicht, dass ich feiern gehe. Da würde mein Körper nicht mitmachen. Ich gehe gerne spazieren und mache Fotos. Einmal war ich sogar an der Nordsee. Ich bin gelaufen. Es hat mich ca. 14 Tage Zeit gekostet, von zu Hause zur Nordsee zu kommen. Es war aber wirklich eine interessante Erfahrung. Ich habe viel Zeit und kann mir solche Ausflüge noch erlauben, solange mein Körper noch mitmacht. Und da ging es mir echt gut. Es war lustig. Aber zurück bin ich dann mit einer Bahn gefahren. Drei Wochen wandern wäre doch zu viel gewesen.

Wandern zur Nordsee

Hattest du keine Angst, dass auf dem Weg etwas passiert? Du hättest doch einen Schub bekommen können, oder? Und es wäre kein Arzt in der Nähe gewesen. Hattest du keine Angst davor?

Nein, nicht wirklich. So etwas bahnt sich an. Ich habe ja schon mein halbes Leben lang MS und ich weiß, wie mein Körper reagiert, wenn bald ein Schub kommt. Ich merke es. Manchmal kann ich sogar entgegensteuern. Wenn ich mal viel zu tun habe, muss ich entspannen und einen Gang zurück schalten. Aber die Krankheit ist nicht immer beherrschbar. Ich habe nur gelernt, damit zu leben. Ich habe mich damit abgefunden. Mit der Zeit kommt das. Am Anfang, ein paar Jahre nach der Diagnose, hatte ich keine Ahnung. Ich konnte die Zeichen, die mein Körper mir schickt, nicht deuten. Aber je länger man krank ist, desto mehr lernt man sich und seinen Körper kennen. Ich kenne meine Grenzen. Ich weiß, wann ich sie überschreite. Und dieser Ausflug hatte keine negativen Auswirkungen auf mich. Ich hatte Spaß. Das Wetter war toll und ich hatte Lust auf eine Abwechslung. Wer weiß, wann ich die Chance wieder bekommen werde?

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